Aushalten

Aushalten

Mein lieber Freund und Blogger-Kollege Martin Schmidt hat gestern einen Artikel geschrieben, der mich ziemlich in die Zwickmühle gebracht hat.

Martins „Minikrise“

Dabei geht es in dem Artikel überhaupt nicht um mich. Es geht nur um Martin selbst. Er hatte nämlich den Mut, über seine aktuelle „Minikrise“ zu schreiben. Es ist ein sehr offener Artikel geworden, der seinen Lesern einen Einblick in seine Gedankenwelt erlaubt und sehr direkt anspricht, was ihn im Moment stört. Hut ab vor so viel Mut und Ehrlichkeit!

Ich lese also Martins Artikel mit Interesse und Mitgefühl, und in der letzten Zeile passiert es: Martin schreibt: „Ich bin schon gespannt auf meine Erkenntnisse und eure Kommentare.“

Oh, wie es mich da in den Fingern gejuckt hat!

Mein Zwang zu helfen

Wie gesagt, ich mag Martin. Und wenn jemand, den ich mag, in Not ist (auch wenn es nur eine „Minikrise“ ist), kann ich gar nicht anders als helfen wollen. Da kann ich nicht aus meiner Haut raus, so bin ich eben gestrickt. Ein Segen und ein Fluch gleichzeitig.

Noch dazu habe ich mir über einige von Martins Gedanken selbst auch schon Gedanken gemacht: über Ziele, Motivation oder die eigene Bestimmung. Was läge also näher, als Martin mit ein paar Anregungen oder ermunternden Worten zu unterstützen?

Manchmal ist keine Hilfe nötig

Ich habe mich aber entschieden, genau das nicht zu tun – und ich habe gute Gründe dafür.

Der eine Grund ist, dass ich weiß, dass Martin sehr gut alleine zurecht kommen wird. Er braucht meine Hilfe nicht – ganz abgesehen davon, dass ich weder genug weiß noch wirklich kompetent bin, um ihm wirklich zu helfen. Alles andere wäre Selbstüberschätzung von mir bzw. eine Unterschätzung von Martin.

Manchmal ist die beste Hilfe keine Hilfe

Aber für viel wichtiger halte ich meinen anderen Grund: Manchmal muss man eine Situation einfach nur aushalten können.

Aushalten können… Das ist ganz schwierig für mich. Nichts zu tun, nichts zu unternehmen, sondern einfach geduldig abwarten, bis das gewünschte Resultat von selbst eintritt.

Ich denke, da geht es vielen ganz ähnlich. Überleg mal:

  • Hältst du es aus, einfach nur zuzuhören, wenn dein Partner von einem Problem im Job erzählt, ohne gleich eine (oder sogar die) Lösung parat zu haben?
  • Hältst du es aus, wenn dein Kind in der Früh seeehr lange braucht, um sich die Schuhe zu binden, ohne zu sagen „Komm her, ich mach das für dich.“?
  • Hältst du es aus, einen geliebten Menschen weinen zu sehen, ohne sofort mit tröstenden Worten zur Stelle zu sein?

Man sollte glauben, dass Helfen schwierig ist, aber ich glaube, dass bewusstes Nicht-helfen, bewusstes Aushalten-können, noch viel schwieriger ist. Für mich jedenfalls.

Dabei, und davon bin ich fest überzeugt, lösen sich viele Probleme einfach dadurch, dass man sie aushält und nicht versucht, eine schnelle Lösung zu erreichen. Zuschauen, geduldig sein und Vertrauen haben – mehr braucht es oft nicht.

Ich habe mir also vorgenommen, Martin zu helfen, indem ich es aushalte, ihm nicht zu helfen. Kein Rat, keine Tipps, keinen Buchtipp – nur das Folgende: Martin, du wirst deine Antworten finden, darin habe ich volles Vertrauen.

Und bis dahin übe ich mich im Aushalten-können.

PS: Aber Achtung! Das heißt nicht, dass es immer die richtige Entscheidung ist, passiv zu bleiben und Probleme „auszuhalten“. Wenn Menschen akut in Not sind, ist tatkräftige Hilfe angesagt, ohne Wenn und Aber. Aber wenn Menschen „nur“ ihren Weg suchen, hilft man oft am besten, indem man sie nicht stört bei ihrer Suche. Am Ende schickt man sie mit gut gemeinten Ratschlägen nämlich noch in die falsche Richtung…



Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger

Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
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