Warum ich nie Jon Bon Jovi werde

Bon Jovi - These Days

Am 19. Juni 1995, erschien das Album „These Days“ von Bon Jovi. Interessant, dass es mich zwanzig Jahre später immer noch beschäftigt.

Es gibt Jahre, die sind ziemlich bedeutsam. Meistens kriegt man es zu der Zeit gar nicht so mit, aber im Rückblick erkennt man: Wow, da ist ganz schön viel passiert, da war einiges im Umbruch.

Vor zwanzig Jahren…

1995 war so ein Jahr für mich. Vierzehn Jahre alt, betrachtete ich etwas sorgenvoll meine noch junge Existenz. Was bis dahin als sicher gegolten hatte, stand plötzlich in Frage. Meine Zeit in der Hauptschule Asparn an der Zaya ging zu Ende, die neue Herausforderung im BORG in der (für meine damaligen Begriffe) großen Stadt Mistelbach erfüllte mich mit ziemlicher Ehrfurcht. 1995 war aber auch das Jahr, in dem ich meine erste Springsteen-CD gekauft habe („Greatest Hits“, von Donauland natürlich). Wenngleich es einer Offenbarung gleichkam, als ich den „Boss“ zum ersten Mal „Badlands“ shouten hörte, war es ein anderes Album, das den Soundtrack meines Jahres 1995 lieferte: “These Days“ von Bon Jovi.

Ich würde nicht sagen, dass ich damals ein Bon Jovi Fan war. Dennoch fand die CD als Geschenk meines Onkels Florian ihren Weg in meinen brandneuen CD Player. (Ich glaube, ich habe ihm gar nie gesagt, wie dankbar ich ihm heute noch dafür bin.)

Das Bezaubernde an „These Days“ war für mich damals (und ist es noch heute), dass die Lieder alle irgendwie traurig klangen. Vielleicht nicht unbedingt traurig, aber doch sehr melancholisch. Und obwohl ich nicht sehr gut Englisch konnte, war für mich sofort spürbar, dass es dem Sänger gerade nicht viel anders ging als mir: Der ist sich auch nicht ganz sicher. Sein Leben ist genauso wackelig wie meines.

Als „These Days“ am 19. Juni 1995 in Österreich erschien, waren die Erwartungen der Fans sehr hoch. Man hat heute vielleicht gar keine Vorstellung mehr davon, wie groß Bon Jovi damals waren. „Always“ hatte die Charts weltweit gestürmt, ihr Konzert in Spielberg war eines der größten, das Österreich bis dahin erlebt hatte. Das neue Album wurde mit Spannung erwartet. Was Bon Jovi ablieferten, war für viele Fans enttäuschend: Fast nur Balladen. Rock-Songs: Mangelware. Und obwohl sich das Album in Europa recht gut verkaufte (5 Wochen #1 in Österreich), war es doch ein kommerzieller Flop für Bon Jovi, vor allem in den USA. Bis heute hört man sehr selten „These Days“-Songs bei einem Bon-Jovi-Konzert.

… und heute

Unlängst war ich mit dem Auto unterwegs und habe mir „These Days“ wieder mal angehört. Es war erstaunlich: Die Nummern taugen mir nach wie vor („Lie To Me“!, „Something To Believe In“!!, „These Days“!!) und haben mich sofort wieder in meine Jungend zurückversetzt. Als ich bei der dritten Nummer ankam, ist mir jedoch plötzlich etwas klar geworden: Moment! Jon Bon Jovi muss 1995 ungefähr so alt gewesen sein, wie ich heute bin.*

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass mich diese Erkenntnis ziemlich erschüttert hat. Wir sind also gleich alt – er war damals ein Superstar, und was bin ich?

Dabei ist es nicht mal so die Tatsache, dass Jon Bon Jovi mit 33 schon Millionen Alben verkauft hatte und Multimillionär war. Das bin ich ihm nicht neidig, weil ich weiß, dass nichts im Leben ohne Preis kommt. Was mich eher gewurmt hat: Er hat in dem Alter wunderbare Songs geschrieben, die mich damals berührt haben und es heute noch tun. Er hat mich damit berührt und wahrscheinlich auch das Leben vieler anderer Menschen. Konnte ich behaupten, so etwas auch nur annähernd von mir sagen zu können?

Vergleiche machen alles kaputt

Nun könnten meine werten Leser natürlich einwenden: „Günter, mach dich nicht verrückt! Warum willst du dich mit einem amerikanischen Rocksänger vergleichen? Was soll das bringen? Euer Leben kann man nicht mal ansatzweise vergleichen!“

Oder sagen: „Günter, mal ehrlich: Würdest du wirklich mit ihm tauschen wollen? Hättest du gern sein Leben? Also, ich nicht. Der Stress, das viele Reisen – und die ganzen Drogen und so. Da bist du im Endeffekt viel besser dran als er.“

Und schließlich sind mir auch Chris Guillebeaus mahnende Worte über das Vergleichen in Erinnerung:

„Einer meiner Freunde sagt gerne: »Vergleiche machen alles kaputt.« Wenn man darüber nachzudenken beginnt, was für ein Vermächtnis man der Welt hinterlassen möchte, bekommt man leicht Komplexe, weil man jünger oder älter ist als andere Leute, mit denen man sich vergleicht. Aber solche Vergleiche sind irrelevant. Wenn Sie noch jung sind und gerade erst mit Ihrem Vermächtnisprojekt anfangen – umso besser. Lassen Sie nicht zu, dass irgendjemand wegen Ihres Alters auf Sie herabsieht. Wenn Sie bereits älter sind, haben Sie sich im Lauf der Jahre vielleicht schon eine gewisse Weisheit erworben. Wahrscheinlich ist es niemals »zu spät«, um mit dem anzufangen, was Sie insgeheim schon vor Jahren gern getan hätten, und vielleicht werden Ihnen viele Dinge nun, da Sie älter sind, leichter fallen.“

Ich lasse mich neidisch sein

Es stimmt ja auch alles: Zu jeder Zeit ist es unsinnig, sich mit anderen zu vergleichen. Aus dem Vergleich von Dingen/Situationen/Menschen, die nicht vergleichbar sind, entsteht viel Kummer. Und dennoch: Solange der Mensch lebt, wird er sich mit anderen vergleichen. Er wird mit Ehrfurcht auf das blicken, was andere erreicht haben und sich fragen: Warum kann ich das nicht auch haben?

Wahrscheinlich würdet ihr von mir als Zen-Gärtner erwarten, dass ich euch jetzt dazu aufrufe, mit dem sinnlosen Vergleichen aufzuhören und statt dessen dankbar zu sein für das, was ihr habt. Aber heute will ich mal etwas un-zenig sein und mir selbst erlauben, neidisch zu sein. Ich erlaube mir, „These Days“ auf Spotify zu spielen, die Augen zu schließen, die Gefühle und Erinnerungen zu spüren und ein  bisschen damit zu hadern, dass ich wahrscheinlich nie selbst so schöne Songs schreiben werde, nie so viele Menschen zu einem Konzert von mir kommen werden, ich nie so viele Menschen berühren werde. Wer will, kann gerne mitmachen. Muss nicht Spotify sein, muss nicht „These Days“ sein.

Für heute gönnen wir das. Ab morgen sind wir dann wieder dankbar für unser eigenes, wunderbares Leben.

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* Tatsächlich: Jon Bon Jovi war damals 33 Jahre alt. Ich bin jetzt 34.

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„These Days“ auf Spotify und Youtube


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
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