Es ist leichter…

Kyrills Schrift

Ganz, ganz selten fallen meine Interessen als Unternehmer, Zengärtner und Sprachwissenschaftler so schön zusammen wie in dieser Geschichte.

Werfen wir gemeinsam einen Blick in die Geschichte unserer antiken Vorfahren: Schaut man sich nämlich an, wie die Sprache in die Welt gekommen sind, so stellt man fest, dass über die Jahrtausende immer wieder Sprachen entstanden und dann wieder verschwunden sind. Für jene Sprachen, die sich über längere Zeitraume halten konnten (wir sprechen da von mehreren Jahrhunderten), empfanden es unsere Vorfahren irgendwann als nützlich, die gesprochenen Wörter auch schriftlich festzuhalten. Dazu entwickelten sie Schriftzeichen und etwas später auch die Vorläufer unserer heutigen Buchstaben. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen entstanden etwa 6000 v. Chr. in China, das erste Alphabet mit „richtigen“ Buchstaben erfanden die Phönizier ca. 1500 v. Chr in der Gegend des heutigen Syrien.

Trotzdem kann man sich das nicht so vorstellen, dass mit einem Schlag die Schrift über die ganze Welt gekommen wäre. Es dauerte mitunter sehr, sehr lange, bis die Idee, Wörter aufzuschreiben, als nützlich empfunden wurde und Fuß fassen konnte. Eine wichtige Rolle spielte dabei das aufkommende Christentum und seine ersten Missionare. Diese wollten die Bibel nämlich in alle Ecken und Winkel der Welt bringen, und dazu mussten sie die Bibel natürlich in die jeweiligen lokalen Sprachen übersetzen, damit sie auch verstanden wurde. Und dafür brauchte man eine Schrift.

Das Problem war nun: In vielen Gegenden Europas, die nun missioniert werden sollten, gab es noch gar keine Schrift, die die Missionare für ihre Übersetzungen hätten nutzen können. Das heißt, dass sich diese Missionare zuerst überhaupt einmal Buchstaben ausdenken mussten, bevor sie mit ihren Übersetzungen zu Werke gehen konnten.

So war das auch in der Gegend des heutigen Mähren und Pannonien, also nicht weit weg von uns. Die ersten Missionare kamen rund 800 n. Chr. in diese Gegend, von Griechenland aus. An vorderster Front war der Mönch Kyrill (Konstantin), der erkannte, dass die griechischen Buchstaben, die er kannte, für die slawischen Sprachen, die in Pannonien und Mähren gesprochen wurden, schlicht nicht geeignet waren. Er musste sich also neue Buchstaben ausdenken. Und so erfand er die „slowienischen Buchstaben“, den Vorläufer des kyrillischen Alphabets, das heute noch z.B. in Russland, Serbien oder Bulgarien verwendet wird.

Soweit der sprachwissenschaftliche Teil. Jetzt wird die Geschichte ein bisschen unternehmerisch. Es war nämlich nicht so, dass Kyrills neue Buchstaben auf uneingeschränkte Gegenliebe gestoßen wären. Das Problem war nämlich: Seine Buchstaben waren reichlich verschnörkselt und ziemlich schwer zu schreiben. Kyrill und seine Schüler waren deshalb immer wieder Kritik ausgesetzt, und die Buchstaben wurden mit der Zeit immer weiter verändert und vereinfacht.

  Für Kyrill und Co. entstand also so etwas wie ein Marketing-Problem. Das Produkt, das sie gelauncht hatten, war einem veritablen Shit-Storm ausgesetzt. Und so trat um ca. 900 n. Chr. der Mönch Chrabre auf den Plan, den man als einen der ersten PR-Agenten bezeichnen könnte. Er verfasste nämlich einen Text, in dem er seinen Meister Kyrill und dessen Werk verteidigte. Chrabres Text ist bis heute in einem Kloster auf dem Berg Athos überliefert und lautet:

„Es gibt Menschen, die sagen: Wozu sind die slowienischen Buchstaben? Was sagen wir solchen Unvernünftigen? Für Slowienisch schuf der hl. Konstantin ganz allein die Buchstaben und übersetzte die Bücher. Wenn aber jemand sagt, dass er sie nicht gut zusammensetzte, weil sie noch weiter bearbeitet werden, werden wir solchen antworten: Es ist leichter, später etwas zu überarbeiten als etwas das erste Mal zu schaffen.“

Kurz, überzeugend und auf dem Punkt – so, wie PR auch heute noch sein muss. 😉 Für den Zengärtner in mir steckt in Chrabres Text aber noch ein weiterer schöner Gedanke:

Wenn etwas Großes entstehen soll, muss es nicht von Anfang an schon perfekt sein. Die eigentliche Leistung Kyrills bestand nicht im perfekten Design seiner Buchstaben, sondern darin, mit dem Projekt „Slowienische Schrift“ überhaupt mal anzufangen. Das Anfangen, Dranbleiben und zu einem (ersten) Ergebnis bringen ist etwas, vor dem wir großen Respekt haben sollten – besonders bei den Gelegenheiten, wo wir etwas sehen und uns denken: „Na, das hätte ich auch zusammengebracht.“ Wahrscheinlich hätten wir das nämlich nicht, weil wir damit gar nicht angefangen hätten.

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