Als Conchita mit Zen den Song Contest gewann

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Gestern, auf der Fahrt zu meinen Eltern, hörte ich mal wieder nebenbei „Frühstück bei mir“. Diesmal zu Gast: Conchita Wurst. Ich konnte nicht ahnen, was ich da über Zen erfahren würde.

Es begann alles wie zu erwarten, nämlich indem sich ein sehr geistreiches und unterhaltsames Gespräch entspann. Ich finde Conchita Wurst sehr sympathisch, weil sie bescheiden, dankbar und gescheit rüber kommt  und weiß, was sie will.

Claudia Stöckl brachte die Rede natürlich auch auf ihren Song-Contest-Sieg im Vorjahr. Konkret ging es um die Frage, wie Conchita sich fühlte, als ihr klar war, dass sie den Song Contest gewonnen hatte und sie anschließend nochmals ihr Siegerlied zum Besten gab. Zu meiner großen Überraschung sprach Conchita davon, dass sie ihn „wie eine Zen-Meditation“ erlebt habe.

Oha, dachte ich mir, da musst du jetzt aber genauer zuhören.

Conchitas Zen-Song-Contest

Genau genommen hat Conchita ihren Siegestaumel so beschrieben:

„Ich war [..] nicht anwesend und ich habe auch die Erinnerung an diesen Moment nur künstlich rekonstruiert, aufgrund der Videos, die ich gesehen habe. Ich habe in diesen… lassen wir es eine Stunde gewesen sein, keine Erinnerung durch meine eigenen Augen. […] Wenn ich es beschreiben müsste, dann war es wie eine außerkörperliche Erfahrung.“

Als ich mir das so anhörte, dachte ich mir: Schon interessant… aber da stimmt was nicht!

Im Rausch der Meditation?

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Sieg für Conchita ein unbeschreibliches Gefühl gewesen sein musste. Ich kann mir auch denken, dass sie sich fühlen musste, als würde sie träumen. Aber, bei aller Liebe: Mit Zen hat das nichts zu tun.

Ich will hier wirklich nicht besserwisserisch oder oberlehrerhaft sein. Mir ist nichts ferner als jene Zen-Dogmatiker, die bei jeder Gelegenheit sagen: „Aber das ist ja gar nicht das echte/wirkliche/eigentliche/originale/reine/pure/japanische Zen!“ Es geht mir also nicht um den erhobenen Zeigefinger. Aber an Conchitas Beispiel kann ich, denke ich, gut zeigen, wie Zen-Meditation oft grundsätzlich missverstanden wird.

Zen-Meditation, so wie Conchita sie beschreibt, klingt wie ein Entschweben in eine andere Welt. Ein Zustand von Ekstase, wie ein Rausch. Ein unendliches Glücksgefühl, in den man sich durch das Meditieren versetzen würde. Als ob man sich durch das Meditieren in eine bessere Welt beamen könnte.

Ich meditiere nun schon ein paar Jahre, und ich kann euch im Vertrauen sagen: So etwas habe ich noch nie erlebt. Nicht mal annähernd.

Meditation ist un-spektakulär

Denn, so ehrlich muss ich sein: Meditieren ist fad. Völlig unspektakulär. Da gibt’s keinen Glamour, keinen Rausch, keine Gefühlsexplosionen. Im besten Fall tut sich nichts, im schlechtesten schlafen die Füße ein. Ich habe auch noch kein einziges Mal eine plötzliche Erleuchtung beim Meditieren erlebt. Doesn’t happen. Kommt vielleicht noch, aber wetten würde ich nicht mehr drauf. Was dafür manchmal passiert, ist, dass ich den Kampf gegen das Einschlafen verliere. Auch ein Erlebnis, aber kann wahrscheinlich nicht ganz mit einem Song-Contest-Sieg mithalten. (Letzteren habe ich, übrigens, auch noch nicht erlebt. Aber das werdet ihr euch schon gedacht haben.)

Wer also Zen-Meditation übt, erlebt im Grunde das Gegenteil von dem, was Conchita beschreibt: Es geht beim Meditieren darum, ganz im Moment zu sein. Es geht darum, seinen Körper, seine Gedanken und seine Umwelt aufmerksam wahrzunehmen. Es geht darum, sich selbst mit all seinen Sinnen zu spüren. Es geht also genau NICHT darum, auszuzoomen, sich in eine andere Welt zu begeben und ein außerkörperliches Erlebnis zu haben.

Also: Was Conchita auch immer in diesem Moment Überwältigendes erlebt hat – eine Zen-Meditation war es eher nicht.

PS: Es kann ja leicht sein, dass ich mich irre. Wer also Erfahrung mit Meditation hat und sich beim Meditieren regelmäßig fühlt, als hätte er/sie gerade den Song Contest gewonnen, möge sich bitte bei mir melden. Ich will das nämlich auch! 🙂

Foto: „ESC2014 winner’s press conference 11 (crop)“ by Albin Olsson – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
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