Bist du lieber cool oder erfolgreich?

Neil-Diamond-Concert

Letzte Woche habe ich ja darüber geschrieben, dass ich nie Bon Jovi sein werde. Meine liebe Freundin Barbara hat meinen Beitrag auf Facebook folgendermaßen kommentiert:

„Ich hab Bon Jovi auch immer geliebt…..natürlich eher heimlich, weil ein bissi peinlich wars auch, Bon Jovi zu hören.“

Interessant, hab ich mir da gedacht. Stimmt, Bon Jovi waren nie wirklich cool. Interessant finde ich das auch insofern, als dass es generell zu gelten scheint, dass man als Künstler nur entweder cool oder erfolgreich sein kann.

Wer „zu“ erfolgreich ist, dem wird die Coolness schnell abgesprochen. Ein weiteres gutes Beispiel dafür sind Nickelback: Eine der erfolgreichsten Bands derzeit, verkaufen Millionen Alben (oder Downloads), aber deine Street Cred steigerst du nicht, wenn du sagst: „Alter, ich steh auf Nickelback.“

Und so begab es sich (zum Thema passend), dass ich am Mittwoch in Köln sogar bei einem Konzert des „Godfather of Uncool“ war: Neil Diamond.

The Godfather of Uncool

Neil Diamond ist ein Phänomen. Inzwischen 74 Jahre alt, ist er einer der wenigen Künstler, die ein zweistündiges Konzert mit lauter Hits füllen kann, die jeder kennt – und damit noch nicht mal alle seine Gassenhauer im Programm hatte. „Solitary Man“, „Song Sung Blue“, „I am … I said“ und natürlich „Sweet Caroline“ – wer kennt sie nicht? Aber natürlich: Sowas von uncool!

Es gibt da diese Folge bei Allie McBeal (Season 4, Episode 03 – Two’s A Crowd), wo Allie einen netten älteren Witwer datet. Sie verstehen sich anfangs gut, aber dann stellt sich heraus, dass der ältere Herr ein Neil-Diamond-Fan ist. Allie wird schlagartig klar, dass das nichts werden kann mit den beiden. Am Ende der Folge sieht man noch, wie der Witwer „Sweet Caroline“ singt und ihn Allie mitleidig anlächelt. Dieses Detail sei nur erwähnt, um zu zeigen, dass Neil Diamond wirklich nicht cool ist. (Wobei Allie McBeal ja ein zwiespältiges Beispiel ist. Jon Bon Jovi hat sie in der Serie ja gedatet. Allerdings nicht als Jon Bon Jovi, sondern als Handwerker Victor Morrison, und damit definitiv nicht wegen seiner Musik.)

Meine Theorie

Na gut, jedenfalls hab ich während des Konzerts schnell mal eine Theorie aufgestellt: Du kannst (im Musikbusiness, aber wahrscheinlich im Leben überhaupt) nur entweder cool sein oder sehr erfolgreich. Beides geht nicht. Und deshalb musst sich jeder Künstler bis zu einem gewissen Grad entscheiden:

  1. Möchte ich lieber meinen Fans das geben, was sie haben wollen, das, worin ich gut bin – und damit über viele Jahrzehnte erfolgreich sein? Oder
  2. Möchte ich mich lieber kompromisslos selbst ausdrücken, mir keinerlei Grenzen auferlegen, egal ob’s wem gefällt oder nicht – und dadurch „cool“ sein?

Naja, hab ich mir dann gedacht, ist das wirklich so entweder-oder? Gibt es da nicht auch etwas dazwischen?

Ja, da gibt’s mal den Fall, dass du WEDER cool NOCH erfolgreich bist. In diese Kategorie fallen wohl die allermeisten Künstler, vielleicht sogar die allermeisten Menschen überhaupt. Interessanterweise kommt aus dieser Kategorie meistens auch die Zuschreibung „cool“ oder „uncool“. Wer selbst nichts zusammenbringt, dem bleibt oft nur die Abwertung des Erfolgreichen.

Und dann gibt es da natürlich auch noch die Kategorie derer, die cool UND erfolgreich sind. Aber: Viele sind das nicht. Cool und erfolgreich sind (längerfristig) nur die allerwenigsten. Welchen Sänger, welche Band würdet ihr in diese Kategorie geben? Mir ist spontan nur David Bowie eingefallen.

Was David Bowie cool UND erfolgreich macht

Am Beispiel von David Bowie lässt sich auch ganz gut zeigen, was es alles braucht, um cool UND erfolgreich gleichzeitig zu sein: Nur die wirklich Großen…

  1. kennen sich selbst sehr, sehr genau. Sie wissen, wer sie sind – und wer nicht.
  2. wissen sehr genau, wer sie sein wollen (bzw. wie sie wahrgenommen werden wollen – und kennen den Unterschied zwischen den beiden).
  3. haben großes Talent und sind bereit, daraus auch wirklich „etwas zu machen“.
  4. haben die besten Mitstreiter (Band, Produzenten, Manager…) und schätzen deren Wert für den eigenen Erfolg.
  5. arbeiten lang und viel, halten auch bei Gegenwind durch (oder besonders dann).
  6. bleiben sich kompromisslos selbst treu (gegen alle inneren und äußeren Widerstände) und wissen haargenau, wann sie „ja“ und wann sie „nein“ sagen sollen.
  7. haben bis ins Letzte begriffen, worum es in ihrem Business geht. Sie kennen die Spielregeln in ihrem Geschäft so gut, dass sie diese gezielt brechen und neu definieren können.
  8. haben bis ins Letzte begriffen, wer ihre Fans sind und was sie antreibt. Sie können ihren Fans etwas völlig Neues liefern, bevor ihre Fans überhaupt wissen, dass sie das großartig finden werden.
  9. wissen haargenau, dass Erfolg flüchtig ist und Moden so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind.
  10. wollen nicht um jeden Preis gefallen. Sie halten es aus, dass sie von einer erklecklichen Zahl von Menschen nicht gemocht werden. Es ist ihnen egal, weil sie begriffen haben, dass jemand, der allen gefallen will, nicht beliebt, sondern beliebig ist.
  11. haben keine Angst davor mit etwas aufzuhören, das bislang ein Riesenerfolg war. Sie haben keine Angst vor dem Neuen – im Gegenteil: Sie suchen das Unbekannte und werden davon angezogen wie die Motte vom Licht.
  12. kämpfen ständig von Neuem um ihre (künstlerische) Relevanz und Freiheit . Sie lehnen sich nie zurück und ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus.
  13. wissen haargenau, was sie warum und wie tun. Nichts ist Zufall. Was leicht aussieht, hat in Wirklichkeit viel Zeit/Anstrengung/Geld/Mühe gekostet.
  14. interessieren sich für viele Dinge außerhalb ihrer „Branche“ und saugen Inspirationen auf wie ein Schwamm. David Bowie interessiert sich auch für Mode, Design, bildende Kunst. Er ist sich auch nicht zu schade, Ideen zu stehlen – aber nur die allerbesten!
  15. wissen, wann es Zeit ist, mit etwas aufzuhören und was Neues anzufangen – oder überhaupt ganz zu schweigen.

Mal ganz ehrlich: Wie viele von diesen Erfolgsfaktoren kannst du für dich beanspruchen? Je mehr, desto erfolgreicher wirst du in deinem Business/Leben sein. Um dabei auch „cool“ zu wirken, wirst du wohl ALLE Anforderungen erfüllen müssen. Es ist nicht unmöglich, aber sehr schwer. Wer will sich denn schon selbst ständig neu erfinden müssen? Wer ist wirklich konsequent bereit, die Sicherheit dessen, was man gut kann, aufzugeben zugunsten von etwas Neuem, Riskanten?

Cool und erfolgreich im Zen

So ähnlich ist es auch im Zen. „Die goldene Mitte“, von der im Zen immer die Rede ist, bedeutet nicht den leichten Weg, also „keines von beiden“ (weder cool noch erfolgreich). Es bedeutet: beides, in ausgewogenem Maß (also cool und erfolgreich gleichermaßen). Es bedeutet, sich selbst gut zu kennen, inklusive der Dinge, die man nicht so gerne von sich sieht. Es bedeutet, keine Abkürzungen zu suchen, sondern das Notwendige zu tun. Es bedeutet schließlich auch zu akzeptieren, dass sich alles im Leben verändert und nichts (und zwar wirklich nichts) von Dauer ist.

Das ist ziemlich schwer, und die meisten von uns überfordert dieser Anspruch auch. Die meisten von uns werden sich daher an einem Punkt entscheiden müssen: Will ich lieber cool sein oder erfolgreich?

Und sie werden dann mit den Konsequenzen leben müssen. Aber es wäre nur fair, diejenigen nicht zu belächeln, die sich für die andere Alternative entschieden haben.

 


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
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