Das Ende der Work-Life-Balance

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Wie komplex und wichtig das Thema „Arbeit“ für uns in der Generation Y ist, habe ich ja an anderer Stelle schon erläutert. Eine Konsequenz davon ist, dass auch die klassische Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit ins Wanken geraten ist. Ein Ideal, das von wenigen Jahren noch als Nonplusultra galt, hat dadurch inzwischen ziemlich ausgedient: Die Work-Life-Balance.

Zur Erinnerung: Bei der Work-Life-Balance geht es darum, alle Bereiche seines Lebens in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen. Arbeit hat ihren Platz, aber daneben soll noch genügend Raum und Zeit sein für Familie, Freunde, Hobbys, Gesundheit, Ehrenamt, Sport, Weiterbildung… Die Liste ist lang, die Umsetzung schwer genug.

Für uns in der Generation Y ist das Work-Life-Balance-Konzept zwar vom Ansatz her gut, aber es bliebt auf halbem Weg stehen. Die Trennung zwischen Arbeit und „Leben“ … ist das nicht ziemlich künstlich? Kann es denn unser Ziel sein, dass unser Leben erst nach Feierabend beginnt? Leben für TGIF – das kann es doch nicht sein!

Mit einem Wort: Work-Life-Balance greift zu kurz. Wir Generation Yer müssen weiter denken. Wir wollen Leben und Arbeit nicht balancieren, sondern integrieren. Wir sollen auch in der Arbeit „leben“. Was läge also näher als die Idee, die Arbeit so zu gestalten, dass sie auch ein Teil von „Leben“ wird: Selbstbestimmt, sinnerfüllt und beglückend. Und das heißt dann „Work-Life-Integration“.

Das Idealbild der Work-Life-Integration sieht dann in etwa so aus:

  • Du kannst selbst über deine Arbeitszeiten bestimmen. Wenn du mal später ins Büro kommen willst oder musst, ist das kein Problem. Wenn du in der Nacht am kreativsten arbeitest, soll dich niemand zwingen, zwischen 9:00 und 17:00 im Büro zu hocken. Wann du arbeitest, ist egal. Hauptsache, du bringst deine Projekte voran.
  • Mit iPhone, Macbook und iCloud ist es auch egal, wo du arbeitest. Im Sommer kannst du im Garten sitzen, und wenn das deine Produktivität fördert, kannst du auch im Pyjama auf deinem Sofa arbeiten.
  • Du musst also nicht ins Büro kommen, aber im Büro zu arbeiten, macht Spaß. Du hast nette, entspannte Kollegen, mit denen du kreative Projekte entwickeln kannst und zwischendurch auch mal beim Tischfußball Spaß hast.
  • Dein Arbeitgeber nimmt Rücksicht auf deine Bedürfnisse. Er bietet Kinderbetreuung, vergünstigte Konzert-Tickets und ein eigenes Fitness-Center. Es ist ihm wichtig, dass es dir gut geht und dass du dich am Arbeitsplatz wohl fühlst.

Dieses Arbeitsumfeld, das vielen noch als Traum erscheint, ist längst verwirklicht. Wie das bei Google aussieht, kann man zB in diesem Artikel der „Welt“ nachlesen. Aber auch in Österreich fordern Mitarbeiter immer lauter mehr Rücksicht auf ihr „Leben“ ein (siehe zB den Artikel Chef, tu was für unsere Gesundheit!)

Ist dieses Arbeitsumfeld, die Verwirklichung der Work-Life-Integration, nun die Zukunft der Arbeit, als die sie so oft angepriesen wird? Ja, vermutlich. Ist das auch gut so? Hm…

Es gibt einen lauten Chor von Kritikern, die davor warnen, dass mit Work-Life-Integration die totale Vereinnahmung der Mitarbeiter zu Unternehmenszwecken verbunden ist. Diese Stimmen betonen u.a. folgende Schattenseiten:

  • Die komplette Entgrenzung von Arbeitszeiten führt dazu, dass wir uns zu wenige Pausen gönnen. Auch der Sonntag, der früher für die meisten Arbeitnehmer ein fixer freier Tag war, ist damit nicht mehr vor dem Zugriff der Arbeit sicher.
  • Durch die modernen Kommunikationsmedien wird eine ständige Verfügbarkeit erwartet, 24/7. Weil es ja egal ist, wann wir arbeiten, kann uns der Chef auch jederzeit seine Nachrichten schicken. Wann wir diese bearbeiten, bleibt im Prinzip uns überlassen. Aber wer kann schon eine wichtige Mail vom Chef am Sonntagabend wirklich ganz ignorieren? Sie wird uns zumindest im Schlaf beschäftigen.
  • Work-Life-Integration wird damit lediglich zur Integration von Arbeit und Arbeits-Leben. Freundschaften und Kontakte außerhalb des Arbeitsumfeldes werden nicht gefördert, sondern eingeschränkt.
  • Durch die freie Einteilung der Arbeitszeiten und den Fokus auf Ergebnisse wird sehr viel Verantwortung auf die einzelnen Mitarbeiter verlagert. Es genügt nicht länger, brav die Aufgaben vom Chef zu erledigen und „seinen Dienst zu tun“. Das neue Arbeitsumfeld verlangt „Pro-Aktivität“ (was auch immer das konkret ist).

Ich will da nicht einstimmen und mitjammern. Ich glaube nicht, dass Work-Life-Integration „schlechter“ ist als Work-Life-Balance. Im Grunde sind beide nur Schlagworte, und jeder muss ohnehin seinen eigenen Weg finden, wie er/sie das Leben gestalten möchte. Es hilft aber zu wissen, worauf man sich einlässt. Wo viel Licht ist, da ist eben auch viel Schatten.

Aber eines finde ich bedenkenswert: Egal ob Work-Life-Balance oder Work-Life-Integration, man erspart sich das Arbeiten nicht. Und Arbeit ist nicht immer lustig. In jedem Job, auch wenn man ihn noch so mag, gibt es Aufgaben, die sogar echt mühsam sind. Du wirst mühsame Arbeit nicht lieber machen, nur weil du dir die Zeit frei einteilen kannst oder nebenan ein Billardtisch steht. In diesen Situationen hilft nur Augen zu und durch. Das gilt in der Arbeit genauso wie im Leben.

Übrigens: Dilbert ist ein Vorreiter der Work-Life-Integration-Bewegung. 🙂

Betragsbild: Yetenek Yonetimi Blog


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
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