Das passt mir nicht!

Wenn ich zum trotzigen Kind werde

Ich bin krank. Ein grippaler Infekt, sagt der Arzt. Nichts Dramatisches, und auch die Behandlung ist einfach genug: Medikamente nehmen, viel trinken und Ruhe geben. Gerade Letzteres passt mir aber nicht. Ganz und gar nicht.

Weil nämlich…

  • … ich so viel „Produktives“ zu tun hätte. Das bleibt nun unerledigt liegen. 
  • … ich mich auf das, was ich zu tun hätte, schon gefreut habe. So aber spüre ich nur Unruhe und eine Mischung aus Frust und schlechtem Gewissen. 
  • … mir langweilig ist. Fernsehen und lesen machen in diesem Zustand einfach nicht so viel Spaß.
  • … ich gerne meine Freunde treffen würde, zum Pub Quiz heute Abend zum Beispiel.
  • … ich gern auf die Uni gehen würde, zur montäglichen Vorlesung „Indogermanistik“. 

Ich weiß, was zu tun wäre…

Nun bin ich der Erste, der jemand anderem in dieser Situation sagt: „Schau, es hilft ja nichts. Die Gesundheit ist das Wichtigste, alles andere kann warten. Wenn du jetzt ein paar Tage Ruhe gibst, bist du schneller wieder fit. Sonst schleppst du das wochenlang mit dir her. Davon hat keiner was. Also tu, was gut für dich ist.“

Nur: Beim Anderen ist das einfach. Weil da betrifft es mich ja nicht direkt. Auf meinen eigenen Rat zu hören fällt mir heute unheimlich schwer. Ich komme mir vor wie ein kleines Kind, das trotzig nicht akzepieren will, dass es diesmal nicht nach seinem Kopf gehen wird. Dass es diesmal „vernünftig“ sein muss, weil das auf lange Sicht besser ist. 

… aber ich tu’s nicht.

Im Zen ist diese Trotzigkeit immer wieder Thema. Selbst hochintelligente Menschen entwickeln einen völlig irrationalen Sturkopf, wenn etwas nicht nach den eigenen Vorstellungen funktioniert. Richtig verbohrt werden sie dann und kennen Gut und Schlecht nicht mehr auseinander. Das kann man an allen Ecken des Menschseins beobachten. Menschen, die plötzlich krank werden, sind nur ein Beispiel. Unternehmer, deren Firma in Schieflage gerät, ein anderes (Lesetipp: „Meine besten Fehler“ von Ditech-Gründer Damian Izdebski).

Die „Medizin“, die Zen dagegen verschreibt, ist einfach: Lass los! Halt nicht an dem fest, was sich dein Kopf vorgestellt hat, sondern akzeptiere, dass dein Leben wie ein Fluss ist, den du nicht kontrollieren kannst. Nicht heute und auch sonst nicht. Wenn du glaubst, dass du in deinem Leben „alles im Griff“ hast, dann ist das bestenfalls eine temporäre Illusion. So wie ein Fluss ständig weiterfließt, wird sich auch dein Leben ständig und unerwartet verändern – ob dir das nun passt oder nicht. 

Schöner Schein

Diesen Zen-Zugang zum Leben kenne ich schon lange. Warum fällt es mir dann so schwer, an Tagen wie heute einfach zu akzeptieren, dass mein Leben eben nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe? Ganz ehrlich: Weil die Illusion so schön ist. Kontrolle zu haben über das eigene Leben, das ist es, was mich antreibt. Pläne zu schmieden und an deren Verwirklichung zu arbeiten – das macht mir Spaß. Mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten zu können, ist für mich der Inbegriff von Erfolg. 

Ich glaube, ihr seht das Problem: Das, was mich motiviert, soll eine Illusion sein? Vielleicht bei anderen, aber sicher nicht bei mir!

Und so sitze ich nun im Wartezimmer des Arztes und tippe diesen Artikel in mein Handy. Das verkaufe ich mir als Kompromiss: Ich tue was für meine Gesundheit (ich bin schließlich eh beim Arzt), und da kann ich die Wartezeit wohl sinnvoll nützen, oder? Schließlich ist Schreiben keine Arbeit, weil es ja Spaß macht – habe ich nicht recht?

Ihr seht: Mein Weg zum Zenmeister ist noch sehr weit. 


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
Mehr über Zen im Alltag gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf Facebook.

 

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