Das Zen des Udo Jürgens

Udo_Juergens_Wien

Anfang Dezember gab Udo Jürgens ein Konzert in der Wiener Stadthalle – und ich war dabei. Nicht mittendrin, sondern ganz hinten, aber doch nah genug um festzustellen: Von Udo Jürgens kann ich einiges über Zen lernen.

Wie ich darauf komme? Nun, mit seinen 80 Jahren hätte er zwar das richtige Alter für einen Zen-Meister erreicht, aber am Alter liegt’s nicht. Dass er immer noch auf der Bühne steht, spricht für ihn. Aber das ist noch nichts Besonderes, das machen andere auch (man denke nur an Bob Dylan, Leonard Cohen oder Jopie Heesters selig). Auch an seiner Musik liegt es nicht. Die kann man mögen oder nicht, das ist Geschmacksache. Aber die Art und Weise, WIE er sein Konzert gegeben hat, fand ich beeindruckend Zen-ig. Lasst mich das an fünf Punkten genauer erklären.

1. Echte Größe ist bescheiden

Es war von Anfang an und das ganze Konzert hindurch zu spüren, dass Udo Jürgens Respekt, Dankbarkeit und Demut seinem Publikum gegenüber empfindet. „Ich stehe quasi in Ihrer Schuld,“ sagte er – und das war nicht nur so dahingesagt. Für ihn ist nicht selbstverständlich, dass die Leute immer noch kommen, um ihn zu sehen. Er empfindet die Treue seines Publikums als Geschenk. Diese Dankbarkeit gegenüber dem Leben ist auch ein Fundament des Zen: Bei Udo Jürgens schließen sich Erfolg und Dankbarkeit nicht nur nicht aus, sondern bedingen einander.

2. Nicht stehenbleiben

Er könnte es sich leicht machen und einen Abend lang mit einem Best-Of-Programm bestreiten. Alte Hits hätte er ja genug. Das Publikum wäre zufrieden, und für ihn wäre es wahrscheinlich einfacher. Aber Udo Jürgens entschied sich dafür, viele Lieder seines neuen Albums zu spielen. Er wolle dem Publikum zeigen, worüber er gerade nachdenke, sagte er. Das ist auch das Gebot im Zen: Nicht stehenbleiben und genau hinsehen auf das, was um uns passiert. Es sich nicht zu bequem machen in der eigenen Komfortzone und in jener des Publikums, sondern präsent im Hier und Jetzt bleiben.

3. „Warum kommt der heute Abend?“

Udo Jürgens hat dem Publikum in der Stadthalle auch verraten, was er macht, bevor er auf die Bühne geht: Er beobachtet durch den Vorhang die Menschen, die ins Konzert kommen und ihre Plätze suchen. Dann sucht er sich einzelne davon aus und fragt sich: „Warum kommt der heute Abend? Was bewegt ihn?“.  Dass er sich nach all den Jahren immer noch überlegt, was Menschen empfinden mögen, die in sein Konzert kommen, finde ich sehr beeindruckend. Es zeigt nämlich, dass er nicht glaubt, ein Patentrezept dafür zu haben, wie man Menschen glücklich machen kann. Dieses Patentrezept gibt es auch im Zen nicht. Es bleibt einem nicht erspart, sich gut mit sich und seinem Umfeld auseinanderzusetzen.

4. Griechischer Wein bis zum Abwinken?

„Griechischer Wein“ hat er wahrscheinlich schon tausend Mal gespielt. So auch an diesem Abend. Aber geklungen hat es, als würde er das Lied seinem Publikum zum ersten Mal präsentieren, so viel Emotion und Freude war zu spüren. Perfektion äußert sich im Zen gerade in den Dingen, die wir schon tausend Mal gemacht haben. Das besondere ist nämlich, gerade diese jedes Mal wieder mit derselben Hingabe zu tun wie beim allerersten Mal.

5.  Hohe Ansprüche

Udo Jürgens liest die Liedtexte nirgends ab und hat auch keine Texthänger. Das habe ich bei Konzerten von jüngeren Sängern schon oft anders erlebt. Nicht so bei Udo Jürgens: Als wäre es seinem Publikum schuldig, stellt er höchste Ansprüche an sich selbst und seine Show. Auch das erinnert mich an Zen: Wenn du was machst, mach es ganz oder gar nicht. Keine halben Sachen, keine Kompromisse, keine Abkürzungen.

„Man muss nicht immer im Leben modern sein, meine Damen und Herren!“, sagte Udo Jürgens irgendwann während des Konzerts. Dafür gab es viel Applaus. Die meisten applaudierten wahrscheinlich, weil sie selbst einem Alter sind, wo sie von „modern sein“ weit entfernt sind. Von mir gab es Applaus aus einem anderen Grund: Weil Menschen wie er nie aus der Mode kommen können.

PS: Meine Lieblings-Udo-Jürgens-Songs auf Spotify: Udo Jürgens


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
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