Empört euch – aber bitte nicht zu viel!

Empört euch!

Gestern war also Weltfrauentag. Ein willkommener Anlass, um auf die immer noch große Ungleichheit zwischen Männer und Frauen in Österreich hinzuweisen. Und einen Blick darauf zu werfen, wie Männer mit dem Thema Feminismus umgehen. Das will ich heute tun, am Beispiel von mir selbst. Also rein exemplarisch, aber nicht minder symptomatisch.

Als Anschauungsobjekt dient mir folgende Grafik:

BürgermeisterInnen-in-ÖO

Ich kann und will nicht für die gesamte Männerwelt sprechen, daher bleibe ich bei mir selbst und lasse euch mal kurz hinein hören in den inneren Monolog, den ich mit mir geführt habe, als ich die Grafik auf meiner Facebook-Timeline entdeckt habe (haltet euch fest, da sprüht es nur so vor Gescheitheit):

„Na so was… witzig… da hat sich jemand wirklich die Arbeit gemacht… Johann, Josef… arg… Dreimal so viele Bürgermeister… arg… Kann das überhaupt stimmen? Wo haben die denn das her?… Land Oberösterreich, aha… Naja, wird schon stimmen… Aber arg ist das schon… ungerecht… ein Symbol… Ob’s in Wien mal eine Bürgermeisterin gibt?… Nicht so bald, wahrscheinlich… Die Brauner ist ja auch abgemeldet… Ich würde ja schon eine Bürgermeisterin wählen… aber die anderen, sind halt sehr konservativ… Frauen haben’s da wirklich schwer… obwohl… sind sicher nicht schlechter… im Gegenteil, wahrscheinlich… Warum sollte eine Bürgermeisterin nicht so gut sein… Vielleicht gibt’s gar nicht genug Kandidaten… Kandidatinnen… ist wirklich ungerecht… Johann, Josef, Franz, Karl… wer nennt heute noch seine Kinder so? Die müssen alle schon alt sein… naja… wirklich ungerecht… das werde ich gleich liken… so… also wirklich arg… aha… Was ist das denn?… interessant… „80% glauben, dass die Regierung überfordert ist“… naja, wundert mich nicht… wo ist das her?… aha, der Standard…

Und schon war ich beim nächsten Thema. Die Empörung war echt, das könnt ihr mir glauben – für einen kurzen Moment. Aber was dann? Gar nichts. Mit einem „Gefällt mir“ war das volle Ausmaß meines politischen Engagements in Sachen Feminismus für’s Erste auch schon wieder erreicht. Wobei ich mir noch kurz überlegt habe, ob „Gefällt mir“ überhaupt die richtige Botschaft sendet. Die Tatsache an sich gefällt mir ja gar nicht, aber dass jemand darauf hinweist, das finde ich „Gefällt mir“-wert. Es hätte eigentlich zusätzlich einen „Empört mich!“-Button geben müssen, reflektiere ich so vor mich hin. Dann hätte ich beide geklickt – als doppelten Ausdruck meiner Empörung.

Jaja, „Empört euch!“. Das ist auch der Titel eines kleinen Büchleins von Stéphane Hessel, der als 93-jähriger ehemaliger Widerstandskämpfer den jungen Menschen von heute zuruft, nicht alles einfach so hinzunehmen und sich auch mal richtig aufzuregen. Interessanterweise ist das Nachfolgewerk von „Empört euch!“, nämlich „Engagiert euch!“, dann doppelt so lang geraten. Anscheinend hatte auch Hessel erkannt, dass Empörung noch relativ leicht fällt, aber beim Engagieren hapert es dann so richtig.

Warum ist das so?

Ich glaube, darauf gibt es keine einfache Antwort. Oder, besser gesagt, gibt es ein Bündel an Antworten, die da mitspielen. Viel wurde schon geschrieben über die Apathie der Generation Y gegenüber gesellschaftlichen Themen. In diesen Chor will ich nicht einstimmen, sondern ich möchte euch eine Erklärung vorstellen, die ich von Erich Ribolits in seiner Vorlesung „Bildungstheorie und Gesellschaftskritik“ an der Uni Wien kennengelernt habe.

Erich Ribolits sieht die Ursachen in einem historischen Kontext. Im deutschsprachigen Raum gilt spätestens seit Wilhelm von Humboldt im 18. Jahrhundert das Ideal des „Bildungsbürgers“: Ein guter Bürger ist jemand, der Wert darauf legt, die Vorgänge in der Welt zu verstehen, sich vielseitig interessiert, der seine Umgebung genau beobachtet und reflektiert.

Das Problem dabei: Der klassische „gebildete“ Mensch ist jemand, der sich zwar auskennt und der sich auch empört… aber der sich nicht politisch engagiert. Er beobachtet, er hinterfragt, er ärgert sich, er ballt seine Faust – und steckt sie dann in die Hosentasche, damit sie keiner sieht. Bildung lebt von Reflexion, aber damit ist es oft auch schon getan. Es folgt keine Aktion, der logische nächste Schritt bleibt aus.

Der klassische Bildungsbürger ist also nicht politisch aktiv. Er beteiligt sich vielleicht an einer Unterschriftenaktion oder nimmt an einer Lichterkette teil – aber der große Aufstand bleibt aus. Politisch aktiv zu werden gehört zum Konzept des klassischen Bildungsbegriffs einfach nicht dazu.

Dazu kommt noch die Schockstarre, die „zu viel“ Bildung auslöst. Je mehr man über die Vorgänge in der Welt, desto ohnmächtiger fühlt sich der Einzelne. Wo soll man da überhaupt anfangen mit der Veränderung? Es müsste ja auf allen Ebenen etwas geschehen! Man bekommt das Gefühl, die Probleme seien viel zu komplex, und eigentlich müsste man das ganze System ändern. Deshalb bleiben wir lieber auf der reflexiven Ebene, erkennen die Probleme, weisen darauf hin, liken oder teilen sie… und gehen weiter, zum nächsten Problem, über das wir uns Gedanken machen.

Da saß ich also im Hörsaal und fühlte mich ertappt. Genau so, ja genau so ist es bei mir – wie man auch bei meinem inneren Monolog am Weltfrauentag sehr gut sehen kann: Ich erkenne ein Problem, nehme mir Zeit für die Reflexion, mache mir allerlei Gedanken, bin kritisch – und aus.

Dann schreibe ich vielleicht noch ein Blog-Post darüber. Im besten Fall lesen das dann andere Bildungsbürger beiderlei Geschlechts, denen es genauso geht wie mir. Vielleicht „gefällt“ es jemandem auf Facebook. Aber eine Revolution will ich mit meinem Artikel keine auslösen, ja nicht mal einen kleinen Aufstand. Der Gedanke daran allein bereitet mir schon Unbehagen. Kritisch ja, revolutionär – nein danke.

Und nun?

Ja, was nun? Ich habe keine Lösung, nicht mal einen Aufruf. Als guter Bildungsbürger bleibe ich beim „Sich-Gedanken-Machen“ stehen. Und als Zen-Gärtner halte ich es mit Georg Danzer: Besser di, dann bessat si di Wöd.

Aber ist das genug?


Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
Mehr über Zen im Alltag gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf Facebook.
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