Das Zen der Erfahrung

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Mir kommt vor, als käme es derzeit wieder stärker in Mode, „Erfahrung zu haben“. Warum ich mir das denke, möchte ich diesmal anhand von vier Beispielen aus der vergangenen Woche erklären.

Die Erfahrung des Bundespräsidenten

Erfahrung, die Erste: Wer in den vergangenen Tagen in Wien unterwegs war, dem dürfte aufgefallen sein, dass die kommende Bundespräsidenten-Wahl seine Schatten voraus wirft, nämlich in Form allgegenwärtiger Plakate. Einer der Kandidaten wirbt mit dem Slogan „Stark durch Erfahrung“. Ich finde das interessant, weil damit indirekt gesagt wird: „Schau hier, lieber Bürger, da ist ein alter Mann, der schon Einiges erlebt hat in seinem Leben (was man ihm auch ansieht). Allein schon diese Fülle an Erfahrungen qualifizieren ihn bestens für das Amt. Wähle ihn und vertraue darauf, dass er aufgrund seiner Erfahrung (aus der Vergangenheit) weiß, was für dich (in der Zukunft) gut sein wird.“ Ein drolliges Argument, finde ich.

Die Erfahrung eines Jugendlichen

Erfahrung, die Zweite: Ich habe vorige Woche Interviews ausgewertet, die im Rahmen eines EU-Förderprojekts zum Thema „Jugendarbeitslosigkeit“ geführt wurden. Es ging um die Frage, was Unternehmen daran hindert, junge Leute anzustellen. Neben den üblichen Kritikpunkten an der Jugend (schlechte oder unpassende Ausbildung, mangelnde Motivation, keine Manieren etc.) kam auch das Argument, dass Jugendliche deswegen nicht gerne beschäftigt werden, weil sie über wenig (oder keine) Berufserfahrung verfügen. Hier scheint das umgekehrte Argument zu gelten: „Weil du, lieber Jugendlicher, noch nie in einem Job gearbeitet hast, kannst du gar keine wertvoller Mitarbeiter sein für mich sein. Du musst zuerst Erfahrung sammeln, d.h. jemandem beweisen, dass du was drauf hast. Also such dir jemanden, der dir diese Chance gibt – aber bitte nicht mich.“

Die Erfahrung beim Arztgespräch

Erfahrung, die Dritte: Im Rahmen meines Sprachwissenschaft-Studiums belege ich gerade eine Lehrveranstaltung, wo es um Arzt-Patienten-Kommunikation geht. Beim letzten Mal sind wir auf das Thema „Erfahrung“ zu sprechen gekommen. Genauer: Wie Patienten, die viel Erfahrung mit Arztgesprächen haben, deren Ergebnis beeinflussen können. Ein erfahrener Arztbesucher schafft es nämlich erwiesenermaßen besser, relevante Informationen aus dem Arzt herauszubekommen und auf die Therapie Einfluss zu nehmen als ein gelegentlicher Patient. Dasselbe gilt übrigens auch für Straftäter: Ein erfahrener Gauner, der die „Spielregeln“ vor Gericht kennt (d.h. zu wissen, wann man sich wehren soll und wann es gescheiter ist, den Mund zu halten), fasst signifikant mildere Urteile aus als ein unerfahrener Straftäter mit dem gleichen Vergehen.

Die falsche Erfahrung

Erfahrung, die Vierte: Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung wies der Professor  auf die Zweischneidigkeit von Erfahrung hin. Er hat das so formuliert: „Erfahrung ist auch, wenn man dreißig Jahre das Falsche macht.“ Erfahrung ist also nicht automatisch gut, weil sie nicht automatisch gescheit macht. Und so schließt sich vielleicht auch wieder der Kreis zur Bundespräsidenten-Wahl: Erfahrung (oder das, was jemand darunter versteht) kann das denkbar schlechteste Argument sein, das man sich überhaupt nur einfallen lassen kann.

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