Was ist Erfolg?

Flipchart aus dem Seminar "Budget erstellen"

Dieser Tage war ich wieder mal als Trainer tätig. Das bedeutet immer auch eine Lehrstunde für mich.

Es macht mir großen Spaß, Trainer zu sein. Es ist eine Leidenschaft von mir, die ich bereits als Hauptschüler entdeckt habe, als ich meinem Cousin Nachhilfe gegeben habe. Ich mag es, mir zu überlegen, wie ich scheinbar komplizierte Dinge so einfach und nachvollziehbar wie möglich erklären kann.

Und schließlich gibt es für mich kaum etwas Schöneres als zu beobachten, wie ich durch meine Erklärungen ein Aha-Erlebnis bei meinen Seminar-TeilnehmerInnen auslöse. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass es für mich als Introvertierten sehr anstrengend ist, einen ganzen Tag lang (und oft mehrere Tage hintereinander) als Trainer „auf der Bühne, im Rampenlicht“ zu stehen. Nach einem Tag im Seminarraum bin ich meistens ziemlich kaputt – weit mehr als nach einem stressigen Bürotag.

Ein erfolgreiches Seminar?

So auch vorige Woche. Nach einem langen Seminartag, in dem ich die Grundlagen der Betriebswirtschaft erklärt habe, war ich auf dem kurzen Fußweg zurück in mein Hotel. Und da ist plötzlich die Frage in meinem Kopf aufgepoppt: „Sag, Günter, war das eigentlich ein gutes Seminar, das du da heute abgeliefert hast?“

Mein erstes Gefühl war zwiespältig. Einerseits hatte ich den Eindruck, dass meine TeilnehmerInnen zufrieden nach Hause gegangen sind, andererseits wusste ich auch, dass einige Stellen im Seminar sich nicht rund angefühlt haben. Perfekt war das Seminar sicher nicht, aber war es gut?

Ich konnte es nicht sagen.

Was ist Erfolg?

Dabei müsste gerade mir als Betriebswirtschafts-Trainer klar sein: Ob etwas ein Erfolg ist, kann man nur dann messen, wenn man zuerst definiert hat, was „Erfolg“ genau sein soll. Das ist das 1×1 des Projektmanagements: Mach dir zuerst klar, was du genau erreichen willst. Nur dann kannst du sagen, ob und wie weit du schlussendlich erfolgreich warst.

Und so bin ich, zurück in meinem Hotelzimmer, in mich gegangen und habe mir aufgeschrieben, was ein „gutes Seminar“ alles ausmachen könnte. Ich habe einige Punkte notiert, anhand derer ich messen könnte, ob ich meine Arbeit als Trainer „gut“ gemacht habe.

Erfolgskriterien

Insgesamt sind mir 22 Kriterien eingefallen. Hier sind sie:

  1. Wenn ich nur gute Bewertungen im Feedbackbogen bekomme. 
  2. Wenn ich nur gute Rückmeldungen in der Feedbackrunde bekomme. 
  3. Wenn ich zumindest einer Person ein nützliches Seminar bereitet habe mit Wissen, das ihr hilft. 
  4. Wenn mich die TeilnehmerInnen nicht aus dem Seminarraum geworfen haben.
  5. Wenn am zweiten Tag die TeilnehmerInnen auch noch vollzählig erscheinen. 
  6. Wenn ich meinen Auftrag erfüllt habe und eine Rechnung für mein Honorar ausstellen kann, das mir bzw. meiner Familie zugute kommt. 
  7. Wenn ich ein paar Dinge mitnehmen kann, wie ich das nächste Seminar noch besser gestalten kann.
  8. Wenn ich nette und interessante Menschen kennenlerne. 
  9. Wenn ich die Inhalte vorgetragen habe, die ich versprochen habe (d.h., wenn ich die Vorgaben nach Punkt und Beistrich erfüllt habe). 
  10. Wenn das Seminar keine großen Wellen schlägt. 
  11. Wenn ich mich getraut habe, etwas unsicheres Neues auszuprobieren (z.B. ein neues Seminardesign oder eine neue Gruppenarbeit). 
  12. Wenn ich mit einem (oder mehreren) schwierigen TeilnehmerInnen gut umgehen konnte, ohne dass es zum offenen Konflikt kam. 
  13. Wenn ich beim einen oder anderen Interesse für das Seminarthema wecken konnte – und bei Einzelnen vielleicht sogar so etwas wie Begeisterung. 
  14. Wenn das Seminar im nächsten Jahr noch einmal angeboten wird. 
  15. Wenn einzelne TeilnehmerInnen sich wünschen, das Seminar würde länger dauern oder es gäbe noch Möglichkeiten zur Vertiefung. 
  16. Wenn ich gesund am Abend zurück in mein Hotelzimmer komme. 
  17. Wenn ich möglichst viele Pausen und Gruppenarbeiten gemacht habe, um mich als Trainer zu schonen. 
  18. Wenn ich den meisten TeilnehmerInnen einen recht angenehmen Tag abseits von ihrer Alltagsarbeit bereitet habe. 
  19. Wenn meinen Auftraggebern nichts Negatives zu Ohren kommt. 
  20. Wenn die Inhalte, die ich unterrichtet habe, besser/klarer/nachvollziehbarer sind als vor dem Seminar. 
  21. Wenn ich unter den gegebenen Umständen mein Bestes als Trainer und als Mensch gegeben habe. 
  22. Wenn wir viel zu lachen hatten.

Eine ganz schön lange Liste, und sicher nicht mal annähernd vollständig. Aber bringt sie mich überhaupt weiter? Wie soll ich denn entscheiden, welche von diesen Erfolgskriterien die wichtigen oder die richtigen sind?

Der Erfolg eines Seminars hängt von so vielen Dingen ab. Der Trainer ist ein wichtiger, aber eben nur EIN Teil davon. Selbst wenn der Trainer allerbeste Arbeit leistet, kann ein Seminar schief gehen. Wie soll ich bei so vielen Variablen, die den Erfolg eines Seminars bestimmen, je auf einen grünen Zweig kommen?

Kann man Erfolg kontrollieren?

Ich glaube, das Problem liegt ganz wo anders. Es liegt in meinem Versuch, überhaupt kontrollieren zu wollen, was bei einem Seminar „herauskommt“. Es liegt in dem Versuch, einem so fragilen Prozess wie Unterrichten bzw. Lernen objektive Erfolgskriterien aufzuzwingen. Ich glaube, wahrscheinlich ist allein der Versuch zum Scheitern verurteilt.

Auch wenn es mir schwer fällt: Genau so, wie das Seminar gelaufen ist, war es das Allerbeste, was an diesem Tag zu diesem Thema mit diesen TeilnehmerInnen an diesem Ort mit mir als Trainer möglich war.

Nicht mehr, aber auch kein bisschen weniger.

Foto: Ein Flipchart aus meinem Seminar



Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger

Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
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