Immer als Erste

aufzeigen

Manchmal ist es gescheit, etwas zuzuwarten. Manchmal aber auch nicht.

Jeder, der selbst Trainer ist oder zumindest schon mal in einem Seminar gesessen ist, kennt die Situation: Am Beginn des Kurses spricht der Trainer ein paar eröffnende Sätze, und leitet über zur obligatorischen Vorstellungsrunde, gewöhnlich mit den Worten „Wer mag anfangen?“.

Schweigen im Walde

Und dann: Nichts. Schweigen im Walde. Nada. Niemand sagt etwas. Niemand mag anfangen. Der erfahrene Trainer weiß man, dass es ein sehr einfaches, aber probates Mittel gibt, um sich aus dieser Situation zu retten: Warten und schweigen. Einfach aussitzen. Irgendwann wird die Stille einem der Teilnehmer zu beklemmend, und er oder sie beginnt zu sprechen. Als Trainer braucht man da nur Geduld und Vertrauen. Hat bei mir noch jedes Mal funktioniert.

Unlängst jedoch ist mir etwas passiert, das habe ich noch nie erlebt. Auf meine Worte „Wer mag anfangen?“ hat sich sofort jemand gemeldet. Augenblicklich und pfeilschnell. Meine Überraschung war groß, und meine Neugierde geweckt.

Die Teilnehmerin, die sich da so enthusiastisch gemeldet hatte, war um die 30 und ansonsten gar nicht besonders auffällig. Sie wirkte recht ruhig und meldete sich während des restlichen Seminars kaum noch zu Wort. Umso erstaunlicher fand ich daher, dass sie sich gleich zu Beginn freiwillig als Erste gemeldet hatte.

Eine verblüffende Strategie

In einer Pause hatte ich dann die Gelegenheit, sie darauf anzusprechen. Was sie mir da erzählte, fand ich gleichzeitig faszinierend und sehr gescheit. Sie sagte nämlich, dass es ihre Strategie sei, sich immer als Erste zu melden. Immer, in jeder vergleichbaren Situation, ohne viel Nachdenken. Auf meine Frage, wie sie denn auf diese Strategie gekommen sei, erklärte sie mir Folgendes:

  • Sie ist von Haus aus sehr schüchtern. Sie mag es daher auch nicht besonders, vor einer Gruppe zu sprechen, und schon gar nicht, wenn sie aus lauter ihr fremden Menschen besteht (wie in diesem Seminar). Sie ist deshalb bei Vorstellungsrunden immer sehr nervös.
  • Gerade weil sie so nervös ist, meldet sie sich immer als Erste. Dadurch hat sie diese unangenehme Situation am schnellsten hinter sich. Danach kann sie sich entspannen und den anderen Teilnehmern in Ruhe zuhören. Würde sie zuwarten, wäre sie dagegen weiterhin mit ihrer Angst beschäftig und würde kaum etwas von dem mitbekommen, was die anderen Teilnehmer sagen.
  • Sie meldet sich also stets als Erste nicht deshalb, weil sie so mutig ist, sondern im Gegenteil, weil sie so nervös ist. Ihre Strategie ist also eine Art Flucht nach vorne.

Ich war fasziniert, als sie das so erzählte. Eigentlich war das, was sei tat, völlig logisch und einleuchtend, aber dennoch hatte ich bisher nichts Vergleichbares erlebt.

Und dann beobachtete ich während des Seminars noch etwas: Sie meldete sich noch einmal freiwillig als Erste. Diesmal musste jeder Teilnehmer ein kleines Beispiel aus dem eigenen Leben präsentieren. Die anderen Seminarteilnehmer waren eingeladen, ihre eigenen Gedanken zu diesem Beispiel als Feedback zu geben. Dabei geschah Folgendes:

  • Als Erste bekam sie die volle Aufmerksamkeit aller anderen Teilnehmer für das, was sie sagte. Alle hörten gebannt zu, welches Beispiel sie wohl bringen würde.
  • Als Erste beschäftigte sich die Gruppe mit ihrem Beispiel insgesamt am längsten. Sie bekam das meiste Feedback, und die anderen Teilnehmer stellten am meisten Fragen dazu.
  • Ihr Beispiel schien der Gruppe auch insgesamt gut im Gedächtnis zu bleiben, weil auch andere Teilnehmer auf dieses Beispiel immer wieder in ihren Präsentationen anspielten.

Es war echt erstaunlich zu beobachten, wie viel Nutzen diese Teilnehmerin daraus zog, dass sie sich als Erste gemeldet hatte. Allein dadurch, dass ihr Beispiel das erste war, bekam sie überproportional viel Aufmerksamkeit und Input. Ich weiß nicht, ob ihr das in dieser Form bewusst war oder ob sie einfach nur froh war, die Präsentation hinter sich zu haben. Jedenfalls merkte ich wieder einmal, dass Mut auf die vielfältigsten Arten belohnt wird. Immer.

Eines der Dinge, die ich am Trainer-Sein so mag, ist die Tatsache, dass ich von meinen Teilnehmern ebenso viel lerne wie sie (hoffentlich) von mir. Und diese kurze Geschichte ist dafür ein wunderbares Beispiel.

Bildquelle: www.4teachers.de

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