Falsche Erinnerungen

Gestern war ich auf einem Vortrag über Virtuelle Realität. Da habe ich mit den Ohren geschlackert.

„Virtual Reality“ oder „Virtuelle Realität“ (VR) – das ist, wenn man eine spezielle Brille auf hat und damit etwas vor sich sieht, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Aber nicht nur wie beim Fernsehen, sondern man hat durch die Brille wirklich das Gefühl, man ist mitten drinnen. Wenn man sich nach links oder rechts bewegt, bewegt sich das Bild mit. Wenn man bestimmte Gesten ausführt, dann tut sich tatsächlich was in der Umgebung, in der man sich gerade befindet.

Die Technologie ist noch relativ jung, und die Möglichkeiten, die sich daraus in den nächsten Jahren ergeben werden, kann ich mir heute noch gar nicht vorstellen. Was ich mich aber nach dem kurzen Einblick gestern sagen traue, ist, dass wir noch große Augen machen werden, was durch Virtuelle Realität alles möglich sein wird.

Ein Aspekt von Virtueller Realität hat mich besonders hellhörig gemacht. Es ging dabei um die so genannten „falschen Erinnerungen“. Wenn man nämlich so eine VR-Brille auf hat und darauf zum Beispiel ein Programm abläuft, wo man sich virtuell auf der Dachkante eines Hochhauses befindet, passiert etwas Erstaunliches: Obwohl der Brillenträger weiß, dass er sich auf sicherem Boden befindet, empfindet sein Körper Angst – genau so, als wäre er wirklich dreißig Stockwerke über dem Erdboden. Die Emotionen, die diese Person fühlt, sind „echt“ – in dem Sinn, dass sie sich echt anfühlen.

Und das Ganze geht noch einen Schritt weiter: Was diese Person in dem VR-Programm erlebt, speichert das Gehirn wie eine echte Erinnerung ab. In der Erinnerung ist also praktisch nicht zu unterscheiden, ob die Person eine Situation in der Realität oder in der Virtuellen Realität erlebt hat. Man spricht in diesem Zusammenhang von „falschen Erinnerungen“.

Jetzt bin ich natürlich kein Experte für VR, und ich habe bestenfalls Grundkenntnisse davon, wie unser Gehirn funktioniert. Aber eines habe ich mir sofort gedacht: Was das für ein Potenzial hätte!

Stell dir vor, es gäbe ein VR-Programm, mit dem du dich für zehn Minuten zum Beispiel in die Schlacht von Stalingrad versetzen könntest. Stell dir vor, du könntest für einige Minuten „echt“ erleben, was Krieg ist – mit allen verbundenen Emotionen und vor allem auch mit einer („falschen“) Erinnerung, die du dein Leben lang nicht vergisst, weil du die Angst und den Horror körperlich gespürt hast. Ich glaube, wir würden durch dieses Erlebnis eine ganz andere Wertschätzung für die Welt bekommen, in der wir heute leben. Oder du könntest dich zehn Minuten lang nach Syrien, Afghanistan oder Irak „beamen“ und virtuell erleben, wie es den Leuten dort wirklich geht. Wenn man selbst die Angst spürt, hat man vielleicht ein anderes Verständnis dafür, warum diese Menschen lieber in Europa leben wollen als in ihrer alten Heimat.

Gleichzeitig ist aber auch klar, dass so eine Technologie auch zum Schlechten verwendet werden kann. Manipulation ist damit Tür und Tor geöffnet, eben weil sich alles so echt anfühlt, als hätte man es selbst erlebt.

Es kommt die eine Verantwortung auf uns zu, wie jeder Einzelne von uns mit diesen Möglichkeiten umgehen wird. Es gibt für diese Technologien noch keine Regeln oder ethischen Handbücher. Aber eines weiß ich bestimmt: Sich davor verschließen und den Kopf in den Sand stecken, das wäre der falsche Weg. Denn seit gestern weiß ich: Die Zukunft ist schon da.

 

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