Bin ich am falschen Weg?

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Es gibt Momente, da gerate ich ins Nachdenken: Bin ich mit meiner Ich-AG vielleicht völlig auf dem Holzweg?

An einem wunderbaren Sommertag sitze ich letzte Woche mit einem Kunden beim Mittagessen. Wir kennen uns schon viele Jahre, die Zusammenarbeit ist geprägt von gegenseitigem Vertrauen, und es ist ein fast freundschaftliches Verhältnis, das uns verbindet.

Dabei könnten wir unterschiedlicher nicht sein: Er arbeitet in einem großen Versicherungsunternehmen, ich in meinem Ein-Personen-Unternehmen. Er ist 25 Jahre älter als ich, ich könnte somit sein Sohn sein. Bei ihm ist die Pension in Sichtweite, bei mir ist die Idee, jemals eine Pension zu bekommen, eher illusorisch. Er war sein ganzes Berufsleben über angestellt, ich bin seit zwei Jahren selbständig.

Es war ehrliches Interesse, als er mich auf meine Selbständigkeit anspricht und mich fragt, wie es mir damit gehe. Ich erzähle ihm von den Projekten, an denen ich gerade arbeite. Ich beschreibe ihm, wie ich meine Selbständigkeit erlebte und dass mir diese Art selbstbestimmten Arbeitens sehr entgegen komme. Schließich behaupte ich sogar, dass diese Art zu arbeiten generell die Zukunft der Arbeit in den nächsten Jahren sein werde.

Während ich so rede, spüre ich förmlich, wie sich seine Stirn in Falten legt. Er kenne das auch von seinen Söhnen, dieses neue Arbeitsideal, sage er schließlich. Und obwohl er es mit keinem Wort ausdrückte, glaube ich ein gewisses Missfallen in seinem Ton zu spüren. Er frage sich, sagt er weiter, ob dieses Modell auch dann noch funktionieren würde, wenn man Kinder hat und ein Haus baut. Kurz, wenn man Verpflichtungen eingegangen ist. Dann würde es schwer werden, noch den Einstieg ins Angestelltenverhältnis zu schaffen und eine Karriere zu verfolgen, meint er.

Ich folge seinen Gedanken sehr aufmerksam und glaube, aus ihm die ehrliche Sorge zu hören, dass gerade eine ganze Generation heranwächst, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben müsse und dabei glaube, „frei“ zu sein. Er spricht aus der Position einer Führungskraft eines Versicherungskonzerns, mit Firmenauto und regelmäßigem Gehalt. Das, was man einen guten, sicheren Job nennt.

Unbewusst scheinen wir beide zu merken, dass wir hier ganz unterschiedlicher Ansichten sind. In unausgesprochenem gegenseitigem Einverständnis vertiefen das Thema nicht weiter und wechseln zu etwas weniger Existenziellem. Das Essen ist gut, die weitere Unterhaltung ist es auch. Und schließlich besprechen wir das Geschäftliche, den eigentlichen Anlass unseres Treffens, in gewohnt konstruktiver und amikaler Art.

Dennoch ist mir der Beginn des Gesprächs noch gut in Erinnerung. Es war auch nicht das erste Mal, dass ich mit meinem Dasein als Ich-AG auf Unverständnis gestoßen bin – und das nicht nur in der Generation meiner Eltern. Auch unter Gleichaltrigen passiert mir das immer wieder. Kaum jemand drückt offen sein Missfallen aus, aber ich glaube, es dennoch deutlich „zwischen den Zeilen“ zu hören. Manchmal mag das Einbildung sein, aber nicht immer.

Und obwohl ich weiß, wie wohl ich mich im Moment fühle, dass ich noch nie so motiviert meiner Arbeit nachgegangen bin wie jetzt, schleichen sich doch Zweifel ein. Was, wenn er recht hat? Was, wenn ich auf dem falschen Weg bin? Was, wenn ich mit meinem Lebensentwurf ganz heftig auf die Nase falle? Was, wenn er zuletzt lacht?

Natürlich bringen diese Gedankenspiele nichts. Also wirklich überhaupt nichts. Es ist eine Binsenweisheit, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss und jeder auf andere Weise glücklich wird. Was für den einen gut ist, muss es noch lange nicht für den anderen sein. Das einzige Kriterium, das wirklich etwas über den Erfolg im Leben aussagt, ist der Blick in den Spiegel. Wer ist es, der einem da entgegenblickt – und wie sehr mag ich den?

Trotzdem: Die Zweifel, die in diesem Moment (wieder) hochkommen, kann ich nicht so leicht abschütteln. Sie nagen eine ganze Weile – und zwar umso heftiger, je mehr man die Menschen mag und respektiert, die diese Zweifel wieder ans Licht holen.

Dabei haben diese Zweifel auch was Gutes: Sie vergehen sie meistens so schnell, wie sie gekommen sind.

Und wer weiß, vielleicht hatte mein Kunde nach dem Mittagessen die gleichen Gedanken wie ich – nur mit umgekehrten Vorzeichen? Vielleicht hat er sich kurz überlegt, ob er damals auch gerne selbständig geworden wäre, wenn er dieselben Möglichkeiten gehabt hätte wie heute? Vielleicht hat er sich einen ganz, ganz kurzen Moment gewundert, ob es eventuell er ist, der sich am falschen Weg befindet?

Muss nicht sein. Kann sein. Am Ende ist es auch egal. Was zählt, ist der Blick in den Spiegel. Und ich bin froh sagen zu können, dass ich den Typen mag, der mir da entgegenlacht. 🙂


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
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