Die Geschichte vom Handy und vom Zengarten

Zengarten Handy

Unlängst dachte ich, mein Handy wäre kaputt. Das hat was mit Zengärten zu tun.

Es war Folgendes: Zu meinem großen Ärgernis musste ich feststellen, dass ich seit geraumer Zeit keine Kopfhörer mehr an die Kopfhörer-Buchse meines Handys anstecken konnte. Das ist insofern für mich inkonvenient, als mein Handy mir auch als tragbarer Musikspieler zu dienen hat. Genauer gesagt lag das Problem darin, dass ich den Kopfhörer-Stecker zwar in die Buchse reinstecken konnte, aber leider nicht zur Gänze. Die entscheidenden letzten drei Millimeter bis zum „Klick“ waren nicht mehr zu machen. Ich hatte es mit den verschiedensten Kopfhörern versucht, immer mit dem gleichen Resultat: Die Kopfhörer ließen sich nicht anschließen. Da konnte ich drücken und klopfen, was ich wollte.

Mit einer Erklärung dieses sonderbaren Verhaltens war ich schnell zur Stelle: Ich erkannte messerscharf, dass diese Malfunktion von einem Unfall herrühren musste, bei dem ich im Halbschlaf mein Handy von der Bettkante auf die harte Realität des Parkettbodens befördert hatte. Es musste sich, bedingt durch den Sturz, im Innenleben des Handys etwas verschoben haben, was es nun unmöglich machte, einen Kopfhörer anzuschließen. Für diese Theorie sprach praktischerweise auch die Tatsache, dass auch die Ladebuchse einen Wackelkontakt zu haben schien und ich es nur mehr mit äußerstem Fingerspitzengefühl schaffte, das Ladekabel an mein Handy anzuschließen.

Damit war die Sache also klar. Für meinen Verstand mag es sehr beruhigend sein, eine plausible Begründung der Ursachen und Wirkungen gefunden zu haben, aber geholfen hat mir das natürlich nichts. Das Problem blieb bestehen, und so musste ich mir überlegen, was ich in dieser Misere nun zu unternehmen gedenke. Für mich gab es zwei Optionen:

  1. Mit dieser Malfunktion leben lernen.
  2. Ein neues Handy kaufen.

Option 1 war für mich wenig erquickend. Ohne Musik unterwegs zu sein… undenkbar! Option 2 erfüllte mich auch nicht gerade mit Ekstase, aber es erschien mir als das geringere Übel. Flink begann ich, Preise und Lieferzeiten für neue Handys zu recherchieren – als mir beim mitternächtlichen Windelwechseln plötzlich eine Erleuchtung kam: Was ist, wenn die Buchse nur verstopft ist? Ein faszinierender Gedanke! Auf Google fand ich ein Youtube-Video, wo ein freundlicher Herr genau vorzeigte, wie eine verstopfte Kopfhörerbuchse zu reinigen sei. Die Anleitung lautete, auf den Punkt gebracht: Nimm eine Stecknadel, stocher in der Buchse herum und hol den Staub raus. Das kann ich, dachte ich mir, und ging frischen Mutes ans Werk. Und siehe da: In der Kopfhörerbuchse war eine Menge Staub. In der Ladebuchse übrigens auch. Sobald beide Buchsen vom Staub befreit waren, funktionierten sie wieder einwandfrei.

Ich war erstaunt, wie viel Staub sich den Buchsen gesammelt hatte. Dabei glaube ich, eh sehr gut auf mein Handy aufzupassen. Aber durch das Herumtragen in der Hosentasche lagert sich mit der Zeit eben eine Menge Sachen ab, ganz langsam und unbemerkt. Und kleine Ursachen können im Endeffekt große Wirkungen haben.

Nun ist diese kleine Geschichte an sich nichts Weltbewegendes, und doch steckt in ihr Zen und hat viel mit einem Zengarten zu tun. Ich will versuchen zu erklären, wieso:

  • Die Idee eines Zengarten ist ja, dass die Dinge, die im Kleinen geschehen, gleichwertig sind mit den Dingen, die im Großen passieren. Wenn man also in seinem kleinen Zengärtchen mit dem Rechen Muster in den Sand zieht, dann ist das vom Prinzip her zwar nicht gleichartig, aber gleichwertig mit dem Gärtnern in einem „echten“ Garten.
  • Die Art und Weise, wie wir im Kleinen handeln, spiegelt sich also in der Art und Weise, wie wir im Großen handeln, wider. Oder anders gesagt: So, wie wir Probleme im Kleinen lösen, lösen wir sie auch im Großen.
  • Oder noch anders formuliert: Wenn wir die Fähigkeit kultivieren, einen kleinen Zengarten kreativ zu gestalten und immer wieder neue Landschaften zu entwerfen, dann schulen wir unseren Verstand darin, auch im Großen verschiedenste Blickwinkel einzunehmen und kreative Lösungen zu entwickeln.

Das heißt also, dass diese kleine Geschichte viel darüber aussagt, wie ich an alle größeren und kleineren Probleme in meinem Leben herangehe. Ich habe ich aus dieser Geschichte daher drei Dinge gelernt:

  1. Es gibt immer viel mehr Optionen, als es mir auf dem ersten Blick erscheint. Wenn ich glaube, nur zwei Optionen zu haben, habe ich in Wirklichkeit mindestens doppelt so viele.
  2. Bei den Ursachen, die ich für die Ereignisse in meinem Leben finde, kann ich als Faustregel davon ausgehen, dass sie öfter nicht stimmen als stimmen.
  3. Die meisten Dinge verschlechtern sich schleichend, nicht plötzlich. Nur, weil ich das nicht sehe, ist es nicht weniger wahr.

Ich lade euch, meine lieben Leser, ein, in einer ruhigen Minute mal nachzudenken, ob meine Behauptung, dass eure Handlungen im Kleinen auch eure Handlungen im Großen widerspiegeln, für euch auch stimmt oder nicht. Wie hättet ihr dieses Problem für euch gelöst?

PS: Hier das Video für all jene, die jetzt auch das Gefühl haben, dass ihre Handybuchsen einer Reinigung bedürfen.

 

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