In your hotel? Alone??

introvert

Ich bin gerne mit Menschen zusammen. Und mindestens genauso gerne allein. Das führt mitunter zu Irritationen.

Vorige Woche war ich bei einem Train-the-Trainer-Seminar in Zagreb. Das kann man sich so vorstellen: 40 Trainer aus Deutschland, Österreich, Tschechien, Spanien, Italien, Kroatien, Griechenland und Slowenien kommen zusammen und stellen einander drei Tage lang Werkzeuge und Methoden vor, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht haben und die sie anderen Trainern weiterempfehlen möchten.

Das war insgesamt sehr kurzweilig, unterhaltsam und lehrreich. Dennoch war ich nach diesen Workshops immer müde, ausgelaugt – kurz: völlig fertig. Dafür habe ich folgende mögliche Ursachen identifiziert:

  1. Frühjahrsmüdigkeit. Im Februar eigentlich unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich – sagt zumindest meine Blogger-Kollegin Barbara.
  2. Zu wenig Schlaf. Mit jedem Workshoptag war immer auch ein (langes) Abendprogramm verbunden, und ich bin nie zu meiner normalen Zeit ins Bett gekommen. Wenn ich nicht ausgeschlafen bin, laufe ich nicht ganz rund.
  3. Reisen ist anstrengend. Wenn ich unterwegs bin, ist alles etwas anstrengender für mich, weil die Gewohnheiten und Routinen, die mir zuhause das Leben vereinfachen, nicht so gut funktionieren.
  4. Zu lange, zu oft und zu viele Menschen auf einmal.

Zu viele Menschen!

Letzterem Punkt möchte ich heute etwas Aufmerksamkeit schenken. Ich sage es offen: Ich bin ein introvertierter Mensch. Ich mag es, mit anderen Menschen zusammen zu sein, mich zu unterhalten und auszutauschen. Aber es kostet mich auch sehr viel Kraft. Ich brauche meine Ruhephasen, um mich zu erholen und meine sozialen Batterien aufzuladen.

Und so ist es vielleicht auch wenig überraschend, dass mein wichtigstes Ziel nach den Workshops war, so schnell wie möglich in mein Hotel zurück zu kommen. In mein Einzelzimmer. Die Tür hinter mir fest zu verschließen und ein ausgiebiges Mittagsschläfchen zu halten. Zur Erholung und als Vorbereitung auf das gemeinsame Abendprogramm, das mir gefallen, aber auch wieder Kraft kosten würde.

Zu viele Menschen?

Ich glaube, es wird nun zwei Gruppen unter meinen Lesern geben: Die einen werden sagen: „Ja, Günter, verstehe ich vollkommen. Geht mir auch manchmal so.“ Die anderen werden sagen: „Was? Das kann ja nicht dein Ernst sein!“

In die zweite Gruppe hat sich auch unsere kroatische Gastgeberin eingeordnet, als sie mich eines Abends fragte, was ich denn am Nachmittag so gemacht hätte. Ob ich einkaufen gewesen wäre oder sightseeing oder so. Ich habe ihr ehrlicherweise geantwortet, dass ich den Nachmittag im Zimmer verbracht und mich ausgeruht habe. Das war ihr völlig unbegreiflich. Mit großen Augen hat sie mich angesehen und gefragt: „In your hotel? Alone??“ Ja, die ganze Zeit. Ja, ganz allein.

Hamlets Rat

Früher hatte ich deswegen öfter ein schlechten Gewissen, weil ich ja nicht ungesellig wirken wollte. Mittlerweile bin ich etwas entspannter. Ich weiß, was mir gut tut und was ich brauche. Und wenn ich am Vormittag mit voller Energie bei den Workshops dabei sein will, brauche ich am Nachmittag Ruhe und Allein-sein.

Das schlechte Gewissen ist immer noch nicht ganz weg. Aber es wird besser. Denn wie heißt’s bei Hamlet? „Dies aber über alles: Sei dir selbst treu.“

Titelbild: Marry Mint

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