Das Wunder von Ingolstadt

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Unlängst war ich in Ingolstadt. Dort habe ich erlebt, was passieren kann, wenn man Vertrauen schenkt.

Vor ein paar Wochen hatte ich beruflich in Ingolstadt zu tun. Wenn ich auf Reisen bin – und besonders, wenn ich alleine unterwegs bin -, habe ich immer ein ganz spezielles Problem: Ich finde mir nur schwer etwas zu essen.

Das liegt aber in den seltensten Fällen daran, dass es kein Angebot an Restaurants, Gasthäusern oder Imbiss-Buden gäbe – im Gegenteil. Es ist einfach so, dass ich mir sehr schwer tue, mir was auszusuchen. Ich gehe dann ewig lange ziellos von Lokal zu Lokal, überlege herum, gehe weiter, gehe wieder zurück und komme einfach zu keiner Entscheidung – und damit auch zu keinem Essen. Und wenn dann gleichzeitig auch noch der Hunger wächst, wird die Aufgabe für mich nicht einfacher, sondern noch schwieriger. In meinen finstersten Stunden musste ein Packerl Dragee-Keksi, das ich mir von zu Hause mitgenommen hatte, als Abendessen herhalten – einsam in meinem Hotelzimmer. Darauf bin ich nicht stolz, aber nun ist es raus. Ich erinnere mich auch an einen Aufenthalt in Barcelona, wo ich nach zweistündiger Suche nach einem „typisch spanischen“ Lokal völlig erschöpft bei KFC eingekehrte – stolz, dass ich immerhin nicht verzweifelt und mit leerem Magen wieder ins Hotel zurück gegangen war.

Das alles mag für manche ein bisschen wunderlich klingen, und ich finde mich in dieser Hinsicht selbst auch ein bisschen komisch. Natürlich habe ich darüber schon öfter nachgedacht und versucht, den Grund für dieses seltsame Verhalten zu finden. Ich vermute, die Ursache liegt im Wesentlichen darin, dass ich nicht schnell jemandem vertraue. Und Essen hat in meinen Augen viel mit Vertrauen zu tun. Schließlich vertraue ich meinen hungrigen Magen und meine zarten Geschmacksknospen einem Koch an, den ich nicht kenne. Zuhause mache ich das in der Regel nicht. Da vertraue ich auf die Kochkünste von Viki oder (seltener) von mir, und auch bei den Lokalen und Lieferdiensten sind wir Stammkunden bei Anbietern, die sich unser Vertrauen über Jahre erkocht haben.

In einer fremden Stadt fehlt das alles natürlich. Da kann man bestenfalls den Empfehlungen von Ortskundigen oder aus dem Internet folgen. Das mag zwar helfen, aber mir nicht wirklich.

So auch unlängst in Ingolstadt. Ich spaziere seit einer guten Stunde durch die pittoreske Altstadt und gehe sicher an drei Dutzend Lokalen vorbei. Vorbei! Bei keinem konnte ich mich überwinden, ins kalte Wasser zu springen. Schon auf dem Rückweg ins Hotel (und geistig schon das Notfall-Dragee-Keksi-Packerl essend), passiere ich einen Kebap-Laden. Der war mir schon beim Start meiner Essenssuche aufgefallen, weil in der Auslage in großen Lettern „Neueröffnung“ geschrieben stand. Ich verlangsamte meinen Schritt, richtete meinen Blick auf die Eingangstür, holte tief Luft – und ging weiter.

Es war mir also wieder nicht geglückt. Nach einigen Schritten wurde es mir aber plötzlich zu bunt. Ich sagte zu mir: „Günter, das geht mir jetzt wirklich schon auf die Nerven. Du bist hungrig und brauchst was zu essen. Stell dich nicht an wie eine Diva, geh zurück und kauf dir einen Kebap. Was kann da schon groß schief gehen, bitte?“ Dieser Argumentation konnte ich nichts entgegen setzen, und ich betrat tatsächlich den Kebap-Laden im zweiten Anlauf.

Und augenblicklich hatte ich meine Entscheidung auch schon wieder bereut. Es hatte gefühlte 70 Grad in dem Laden (was auch der Außentemperatur von knapp 40 Grad geschuldet gewesen sein konnte). Das Speisen-Angebot war in recht kleinen Lettern und etwas unübersichtlich auf hintergrundbeleuchteten Überkopf-Schildern angebracht, und ich verfiel in so etwas wie eine Schockstarre.

Auf einmal hörte ich, wie aus dem Off, eine Stimme: „Kann ich Ihnen helfen?“ Es war der Mann hinter der Theke. Etwas unsicher sagte ich: „Ja, vielleicht.“ Er lächelte und fragte mich etwas sehr Überraschendes: „Möchten Sie etwas anderes als Kebap?“ Ich war einen Moment verdutzt, sagte aber einer Eingabe des Himmels folgend: „Ja, gerne!“. Das Lächeln des Mannes hinter der Theke wuchs, als er sprach: „Dann nehmen Sie Platz und lassen Sie sich von mir bedienen.“

Ich entrann der Hitze und setzte mich auf einen der kleinen Tischchen am Gehsteig. Langsam wurde mir klar, was da gerade passiert war: Ich würde in Kürze ein Gericht bekommen, von dem ich keine Ahnung hatte, was es war und wie es schmecken würde. Auch über den Preis hatten wir nicht gesprochen. Auf welches Abenteuer hatte ich mich da eingelassen?

Als ob der freundliche Mann hinter der Theke meine Gedanken hätte lesen können, brachte er mir ein Tässchen Tee – zur Beruhigung quasi. Für mich als Tee-Liebhaber ein Geschenk des Himmels. Während ich also an meinem starken türkischen Schwarztee nippte, entspannten sich meine Nerven. Es war sogar so etwas wie ein Lächeln, das nun meine Lippen umspielte.

Kurze Zeit später stand es dann auch schon vor mir: Mein Überraschungsmenü. Ich weiß bis heute nicht, was es eigentlich war, aber so viel weiß ich: Es schmeckte wunderbar. Ganz vorzüglich. Deliziös! Ich war rundum glücklich, und der freundliche Mann hinter der Theke war glücklich, dass ich glücklich war.

Aber nicht nur deswegen war dieses Abendessen in Ingolstadt zu einem besonderen Erlebnis geworden. Was mich noch lange begleiten wird, war erleben zu dürfen, was passieren kann, wenn man Vertrauen schenkt: Man bekommt mitunter reichen Lohn.

Saray Gemüsekebap Ingolstadt auf Facebook.

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