Inkompetenz

Inkompetenz

Ich hatte dieser Tage ein interessantes Gespräch mit einem älteren Herrn, der sich selbst als „Jäger der Inkompetenz” bezeichnet hat. Davon möchte ich in diesem Blog erzählen.

Inkompetenz ist ja etwas, das dem aufmerksamen Beobachter jeden Tag und in jedem Bereich begegnet: in der Politik, in der Wirtschaft, am Arbeitsplatz. In den USA ist seit kurzem ein Präsident im Amt, dem von vielen Seiten Inkompetenz nachgesagt wird. In Berlin ist ein Flughafen in Bau, der wegen Inkompetenz nicht und nicht fertig werden will. Und auch am Arbeitsplatz wird es einem nicht schwerfallen, Menschen zu finden, die man für inkompetent in ihrem Job hält.

Kurz: Inkompetenz ist ein Teil unseres Lebens. Wir sind umgeben (ja umzingelt!) von Inkompetenz. Deshalb fand ich die folgenden Gedanken so interessant, die dieser ältere Herr, der mir seinen Namen leider nicht verraten hat, mit mir geteilt hat.

  • Zuerst: Inkompetenz bedeutet nicht gleichzeitig Dummheit. Ein grundsätzlich gescheiter Mensch kann nicht kompetent (genug) für eine Aufgabe sein. Das dürfte bei Donald Trump der Fall sein: Er ist ein intelligenter Mensch, aber hat bisher keine politische Erfahrung. Damit ist er inkompetent für das Amt des amerikanischen Präsidenten – nicht mehr und nicht weniger.
  • Inkompetenz ist daher grundsätzlich auch kein abwertender Begriff. Inkompetenz ist lediglich der Unterschied zwischen dem gewünschten Maß an Kompetenz und dem derzeitigen Kompetenz-Level. Jeder Mensch ist in den allermeisten Bereichen seines Lebens mehr oder weniger inkompetent. Niemand kann alles wissen oder können.
  • Niemand ist absichtlich inkompetent. Viele Jobs von heute sind so komplex, dass es für den normalen Menschen gar nicht möglich ist, darin vollständig kompetent zu sein. Die allermeisten Stellenausschreibungen lesen sich wie ein Brief an’s Christkind, auf der Suche nach einem Wunderwuzzi. Wobei die Recruiter meistens wissen, dass sie so jemanden nicht finden werden. Ein gewisses Maß an Inkompetenz wird also meistens schon bei der Einstellung eines neuen Mitarbeiters einkalkuliert und in Kauf genommen.
  • Im besten Fall ist Inkompetenz temporär. Die Kompetenz in einem bestimmten Gebiet lässt sich erhöhen, indem man etwas über dieses Feld lernt. Das ist wie in der Schule, und genauso ist es auch im Job (Stichwort: Lebenslanges Lernen). Nur: Zum Lernen braucht man Zeit. Und die fehlt in unserer beschleunigten Wirtschaftswelt oft.
  • Deswegen wird für Inkompetenz, die sich nicht mehr verschweigen oder verbergen lässt, oft schnelle Lösungen gesucht: Ein inkompetenter Mitarbeiter wird durch einen anderen Mitarbeiter ersetzt, der dafür aber in einem anderen Aspekt dieses Jobs inkompetent ist. Oder es wird versucht, mit technischen Lösungen die Symptome, aber nicht die Ursachen der Inkompetenz zu bekämpfen.
  • Es ist nämlich so: Inkompetenz führt häufig zu einem hohen Maß an Aktivität. Nach dem Motto: Wenn ich schon nicht weiß, was ich tue, dann setze ich zumindest alle Hebel in Bewegung und wirble möglichst viel Staub auf. Damit am Ende niemand sagen kann, ich hätte nicht alles versucht. Daher gilt als Faustregel: Je „aktiver” und umtriebiger eine Person ist, desto inkompetenter ist sie in ihrer Aufgabe.
  • Das Ausmaß an Inkompetenz in einer Organisation ist häufig nicht ansprechbar. Es ist ein großes Tabu-Thema, über das gerne der Mantel des Schweigens gebreitet wird, weil jeder mit drinnen hängt. Man will ja nicht als Nestbeschmutzer gelten.
  • Inkompetenz hat aber auch Vorteile. Führungskräfte „in der Auslage” (z.B. Minister, Vorstände, Präsidenten), sind immer inkompetent. Das müssen sie sogar sein. Wären sie Experten in ihrem Fach, könnten sie keine Entscheidungen treffen. Sie wären nämlich nicht fähig, den notwendigen Schritt zurück zu machen, der überhaupt erst Kompromisse und neue Lösungswege erlaubt.
  • Wenn wir uns also „kompetente Politiker” wünschen und damit meinen, dass sie „Ahnung von der Materie” haben müssen, dann wünschen wir uns wahrscheinlich das Falsche. Kompetenz brauchen sie im Finden von Lösungen, im Miteinander-Reden, im Abwägen von Interessen. Dabei würde zu viel Fachkompetenz nur schaden.
  • Bei allem Verständnis für den Ärger, den inkompetente Menschen in uns auslösen können: Ich glaube, es täte uns gut, uns zuerst mit unserer eigenen Inkompetenz zu beschäftigen, bevor wir über die Inkompetenz anderer klagen. Damit haben wir genug zu tun. Denn schließlich sagte ja auch schon Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
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