Wir und unsere Kommentatoren

Kommentatoren

Unlängst habe ich mir wieder mal Schispringen im Fernsehen angesehen. Bemerkenswert.

Das ist nämlich insofern bemerkenswert, als ich ja in meiner Wohnung keinen Fernseher habe. Dem Umstand, dass ich so selten fernschaue, ist es daher auch geschuldet, dass ich, wenn ich schon mal fernschaue, besonders aufmerksam fernschaue. Mich interessiert also nicht nur, WAS mir da gezeigt wird, sondern auch WIE.

Bei besagtem Schispringen ist mir Folgendes aufgefallen: Es gibt ganz schön viele Kommentatoren bei so einem Schispringen. Da ist erstens der ORF-Mann (Sportereignisse im ORF werden nur ganz selten von Frauen kommentiert), dem zweitens Andi Goldberger zur Seite steht. Und dann gibt es drittens noch die Pausenanalysen mit Martin Koch nebst viertens den Interviews mit den Gesprungenen. Da hat sich mir dann schon die Frage aufgedrängt: Was trägt zum Beispiel der Andi Goldberger mit seinen Kommentaren überhaupt zur Übertragung bei? Und erst recht der Martin Koch mit seinen paar Sätzen? Wurden die beiden engagiert, um ewig das Gleiche zu wiederholen bzw. das auszusprechen, was ohnehin offensichtlich ist?

Was wäre, wenn das Schispringen ganz ohne Kommentatoren und ihre Kommentare ablaufen würde? Würde da überhaupt irgendwem irgendwas fehlen?

Zeitsprung. Diese Woche habe ich ein Seminar bei den Österreichischen Bundesforsten gehalten. Praxisorientierte Betriebswirtschaft. Und da ist mir plötzlich aufgegangen: Günter, du bist wie der Andi Goldberger! Oder anders formuliert: Der Andi Goldberger macht die gleiche Arbeit wie du. Kommentator sein und Trainer sein ist gar nicht so weit auseinander. Die Welt braucht Kommentatoren wie uns.

Wozu sind Kommentatoren gut?

  1. Kommentatoren helfen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Gute Kommentatoren kennen sich so gut aus, dass sie wissen, was in dem konkreten Moment essenziell ist und was man weglassen kann. Damit verringern sie die Komplexität der Situation und machen sie für ihre Zuseher „verdaulicher“.
  2. Kommentatoren erklären. Sie tragen jenes Wissen bei, welches den Zusehern fehlt, weil sie sich nicht, wie die Kommentatoren, den ganzen Tag mit dem Thema beschäftigen. Kommentatoren kennen Hintergründe und Zusammenhänge. Kurz: Sie sind Experten (oder sollten es zumindest sein).
  3. Kommentatoren interpretieren. Sie bieten ihren Zuschauern Erklärungsvorschläge an, wenn eine Situation verwirrend ist. Der Zuschauer muss daher nicht mehr selbst so viel Energie für Nachdenken verwenden und kann das Erklärungsangebot des Kommentators übernehmen – zumal der Kommentator ja auch der (vermeintliche) Experte ist.
  4. Kommentatoren treffen Voraussagen. Wir Menschen mögen es nicht gerne, wenn wir in Unsicherheit leben müssen. Ein bisschen Spannung ist okay, aber bitte nicht zu viel. Gute Kommentatoren verstehen es geschickt, einen Spannungsbogen zu erzeugen, den zu halten und im richtigen Moment wieder aufzulösen. Sie verringern damit Unsicherheit bei den Zusehern und machen das Zusehen damit zu einer vergnüglichen, nicht zu stressigen Sache.
  5. Kommentatoren lenken Aufmerksamkeit. Auch bei einer relativ geordneten Sportart wie Schispringen passieren hundert Dinge gleichzeitig. Kommentatoren wählen bewusst aus, auf welche dieser hundert Dinge sie ihren Zuseher hinweisen. Sie betonen das eine und verschweigen das andere. Durch Betonen, Herunterspielen, Aufbauschen und Verschweigen beeinflussen sie, welchen Dingen ihre Zuseher wie viel Aufmerksamkeit widmen (können).
  6. Kommentatoren emotionalisieren – durch die Art und Weise, WIE sie über bestimmte Ereignisse sprechen. Sie reichern Tatsachen mit Emotionen an und haben damit großen Einfluss darauf, wie die Fakten beim Zuseher „rüberkommen“.
  7. Kommentatoren unterhalten. Last but not least schaffen es gute Kommentatoren, ihren Zusehern zuweilen ein Lächeln zu entlocken und sogar wenig spannende Situationen ansprechend zu verpacken.

Und das Interessante jetzt: Wenn du „Kommentatoren“ durch „Trainer“ oder „Lehrer“ ersetzt, stimmt die Aufzählung immer noch. Verblüffend.

Wer sind deine Kommentatoren?

Ich glaube, wir alle haben und brauchen Kommentatoren im Leben. Wir brauchen Menschen, die uns die Welt (oder einen Teil davon) erklären. Wir brauchen Menschen, die sich auskennen und die uns sagen können, was Sache ist. Das ist auch okay so. Nur – hast du dir schon mal überlegt:

  • Wer sind die Kommentatoren in deinem Leben? Wer sind deine Pariaseks, Fingers, Assingers, Seegers, Prüllers oder Polzers?
  • Wer interpretiert die Welt für dich? Sind das Personen, oder sind deine Kommentatoren als „innere Stimmen“ in deinem Kopf?
  • Suchst du dir deine Kommentatoren bewusst aus? Sind es immer die gleichen? Welche Kommentatoren würdest du gerne austauschen?
  • Wählst du dir vor allem solche Kommentatoren, die eine ähnliche Meinung haben wie du – oder riskierst du auch mal eine Meinung zu hören, die ganz anders ist als deine?
  • Für wen bist du ein Kommentator? Von wem wirst du um deine Sicht der Dinge gefragt? Bist du dir der Verantwortung bewusst, die du damit hast?
  • Drängst du deinen Mitmenschen deine Sicht der Dinge ungefragt auf, oder kannst du dich zurückhalten, bis du danach gefragt wirst?
  • Hältst du es auch aus, wenn deine Meinung zwar gehört, aber nicht geteilt wird – ohne dem Anderen insgeheim völlige Ahnungslosigkeit zu unterstellen?

Daher meine Einladung an dich: Mach dir einen Moment lang Gedanken über die Kommentatoren in deinem Leben. Sieh und hör bewusst hin, was sich in der Kommentatorenkabine deines Lebens so alles abspielt.

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