Das Zen des Loslassens

Loslassen in Gmunden

Mein Freund und Blogger-Kollege hat einen sehr lesenswerten Artikel über das Loslassen geschrieben. Martin entwickelt darin den spannenden Gedanken, wie Festhalten und Opferrolle zusammenhängen. Damit hat er (ohne es zu ahnen?) eine Frage aufgeworfen, mit der sich schon Buddha vor zweieinhalbtausend Jahren beschäftigt hat.

Loslassen – die Kernkompetenz der Buddhisten

Wie bei allen buddhistischen Richtungen geht es auch im Zen um’s Loslassen – und zwar ganz, ganz zentral. „Alles Leben ist Leid“, heißt es da ja etwas desillusionierend. Die Ursache für unser ständiges Leidens im Leben hat Buddha in der zweiten seiner Vier Edlen Wahrheiten beschrieben:

Die Ursache alles Leidens ist das Festhalten an vergänglichen Dingen und das nicht Wahrhaben wollen dieser Tatsache. 

„Vergängliche Dinge“ sind in buddhistischen Verständnis nicht nur physische Objekte wie Autos oder Menschen, sondern auch alle unsere Einstellungen und Gedanken bzw. überhaupt alle Dinge, die nur in unserer Vorstellung existieren.

Nun gut, möchte man jetzt sagen, das mag ja für die Buddhisten eine nützliche Erklärung sein, aber ich bin kein Buddhist. Und selbst wenn ich einer wäre:  Wie hilft mir das konkret weiter?

Loslassen für Nicht-Buddhisten

Nun, in seinem Blog-Artikel konfrontiert Martin uns mit einer ziemlichen Herausforderung:

Woran hältst Du Dich fest? An einer Beziehung, die Dir nichts mehr bedeutet? An einem Job, der Dir nur monatlich Geld, aber keine Freude bringt. An Gegenständen, die Dir nur im Weg sind? An Deinem alten Ich, dass Dir nur im Weg ist? An einem Land, dass nur noch in Deiner Vorstellung so aussieht, wie Du es gerne hättest? Ich weiß es nicht, aber ich wünsche Dir viel Spaß dabei, es herauszufinden und es loszulassen.

Naja, nach Spaß klingt das nicht gerade. Eher nach viel Mühe. Ich will aber versuchen, euch zu erklären, wie die Sicht des Zen (und anderer buddhistischer Richtungen) helfen kann, Martins schwierige Herausforderung besser zu bewältigen.

Die Sache ist aus Zen-Sicht nämlich so, dass das Problem nicht die Beziehung / die Arbeit / ein Gegenstand ist, sondern – was sonst – wir selbst. Oder besser gesagt: Die Vorstellungen, die wir uns von den Dingen machen, die uns umgeben.

Ich möchte euch das an einem Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir an, du steckst in einer Beziehung, die nur mehr mühsam ist. Du hast das Gefühl, dass du aus dieser Beziehung nichts zurückbekommst und sie dich nur Kraft kostet. Und das nicht erst seit gestern. Martins Blog-Artikel ruft uns dazu auf zu hinterfragen, warum wir (uns) an solchen Beziehungen festhalten und ob wir eine Beziehung, die uns „nichts mehr bedeutet“, nicht besser loslassen sollten. 

Wer schon mal versucht hat, solch eine Beziehung „loszulassen“, weiß, dass das alles andere als einfach ist. Nun setzt Buddha aber noch eins drauf und sagt: Dieses Loslassen reicht nicht!

„Echtes“ Loslassen

„Echtes“ Loslassen bedeutet nämlich mehr als das Loslassen von Personen, „mit denen es nicht (mehr) passt“. Buddhas Loslassen bedeutet vielmehr, unsere eigenen, ganz persönlichen Vorstellungen davon loszulassen, was eine „gute Beziehung“ eigentlich ist:

  • Wir müssen die Vorstellung loslassen, dass der Andere uns etwas schuldet.
  • Wir müssen die Vorstellung los lassen, dass Beziehungen statisch sind und geradlinig verlaufen.
  • Wir müssen die Vorstellung loslassen, dass wir den Anderen ändern können.
  • Wir müssen die Vorstellung los lassen, dass wir das Verhalten des Anderen kontrollieren können.
  • Wir müssen die Vorstellung los lassen, dass andere Menschen uns glücklich machen können.
  • Wir müssen die Vorstellung los lassen, dass wir besser sind als der Andere.
  • Wir müssen die Vorstellung los lassen, dass nur wir uns ändern dürfen.
  • Und so weiter, und so fort…

Alles andere wäre nämlich nur Symptombekämpfung. Die Wurzel des Problems liegt also nicht im Anderen, sondern in uns selbst. Es nützt wenig, eine Beziehung zu beenden, aber an unseren irrigen Vorstellungen festzuhalten. Das Ergebnis wäre nämlich, dass wir auch in der nächsten Beziehung unglücklich sein werden. Gelungene Beziehungen beginnen also bei uns selbst. Oder besser gesagt: Bei dem, was wir uns einbilden, dass eine Beziehung „gelungen“ macht.

Und wie kommt man nun los von diesen Vorstellungen? Naja, leicht ist das nicht, weil unsere Vorstellungen, Erwartungen, Wünsche, Träume und Bedürfnisse ein wichtiger Teil von uns sind. Buddhisten empfehlen regelmäßiges Meditieren. Ich will euch nicht entmutigen, aber ich meditiere jetzt schon einige Jahre, und ich könnte nicht behaupten, dass mir das Loslassen wesentlich leichter fällt als früher. Aber vielleicht ist ja auch die Vorstellung, dass ich jemals ganz von meinen Vorstellungen los kommen kann, selbst eine Vorstellung, die ich los lassen sollte…

Eine Zen-Geschichte vom Loslassen

Zum Abschluss möchte ich euch noch eine Zen-Geschichte auf den Weg geben, die gut zum Thema „Loslassen“ passt.

Zwei Mönche waren auf der Wanderschaft. Eines Tages kamen sie an einen Fluss. Dort stand eine junge Frau mit wunderschönen Kleidern. Offenbar wollte sie über den Fluss, doch da das Wasser sehr tief war, konnte sie den Fluss nicht durchqueren, ohne ihre Kleider zu beschädigen. Ohne zu zögern ging einer der Mönche auf die Frau zu, hob sie auf seine Schultern und watete mit ihr durch das Wasser. Auf der anderen Flussseite setzte er sie trocken ab. Nachdem der andere Mönch auch durch den Fluss gewatet war, setzten die beiden ihre Wanderung fort.

Nach etwa einer Stunde fing der eine Mönch an, den anderen zu kritisieren: ”Du weißt schon, dass das, was du getan hast, nicht richtig war, nicht wahr? Du weißt, wir dürfen keinen nahen Kontakt mit Frauen haben. Wie konntest du nur gegen diese Regel verstoßen?” Der Mönch, der die Frau durch den Fluss getragen hatte, hörte sich die Vorwürfe des anderen ruhig an. 

Dann antwortete er: “Ich habe die Frau vor einer Stunde am Fluss abgesetzt – warum trägst du sie immer noch mit dir herum?”

Foto: Gmunden am Traunsee. Mein Ausblick beim Spazierengehen, wo die Idee zu diesem Blog-Artikel entstand.


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
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