Zen-Momente mit Richard Lugner

Lugner

Es ist inzwischen zu einem Montag-Morgen-Ritual geworden, das „Ö3 Frühstück bei mir“ vom Sonntag nachzuhören. Als Podcast, in 30 komprimierten Minuten. Am Sonntag Vormittag zuzuhören, ist mir zu mühsam, aber zum In-die-Gänge-Kommen am Montag finde ich die Sendung ideal.

Aber heute Morgen war ich am Zweifeln. Was? Diesmal Richard Lugner? Will ich mir das wirklich antun? Ich habe es dann doch gewagt. Und wurde reich für mein Risiko belohnt. 😉

Natürlich hat das Interview alle Klischees erfüllt: Claudia Stöckl hat die Fragen gestellt, die ihr Publikum erwartet, und Richard Lugner hat die Antworten gegeben, die seinem Bild von sich selbst entsprechen. Alle thematischen Dauerbrenner wurden angesprochen: Opernball, der Konflikt mit Alfons Haider, dass er ein Kasperl sei, Cathy vs. Jacky und so weiter.

Das Besondere liegt für mich aber immer dort, wo das Offensichtliche in den Hintergrund tritt, wo Klischees für einen Moment gebrochen werden und die Essenz der Dinge oder der Menschen zu Tage tritt. „Zen-Momente“ sozusagen, die mich zum Nachdenken anregen. Und überraschenderweise gab es im Gespräch mit Richard Lugner gleich vier davon.

1. Richard Lugner ist sehr naiv – oder?

Der erste Zen-Moment war, als die Sprache auf Lugners aktuelle Frau kam und auf die Frage, ob er sich nie gefragt hätte, ob sie ihn wirklich aus Liebe geheiratet hat. Als „Unterstützung“ wurde Oliver Pochers Meinung zu dieser Frage zugespielt:

„Du hast halt einfach ein Blondchen aus dem Playboy, die aus mittelmäßigen Verhältnissen kommt, früh Mutter geworden ist und einfach einen Schritt sieht, um in die Öffentlichkeit zu gelangen, an Geld auf schnellst möglichem Weg ohne wirkliche Arbeit zu kommen. Das ist meine Meinung dazu. Wenn Herr Lügner da sexuell auf seine Kosten kommt und auch sonst seinen Spaß hat, dann ist das absolut legitim, aber wahre Liebe sieht für mich etwas anders aus.“

Es geht mir nicht darum, ob Oliver Pocher mit seiner Meinung recht hat oder nicht. Viel spannender finde ich folgende Frage: Wieso glauben wir, uns Meinungen über Menschen bilden zu können oder zu müssen, obwohl wir doch so gut wie nichts über diesen Menschen wissen? Wieso glauben wir, dass unsere Werte, unsere Vorstellungen von Gut und Schlecht die richtigen sind? Wieso glauben wir, dass wir das Leben anderer mit unserem Leben auch nur annähernd vergleichen können?

Im Zen versucht man ja, sich genau von diesem automatischen Beurteilen, von diesem Sich-eine-Meinung-bilden-Müssen zu befreien. Das heißt nicht, unkritisch und lethargisch zu werden. Es bedeutet einfach, die Dinge genau wahrzunehmen und der Versuchung zu widerstehen, den Dingen unser Urteil aufzudrücken, fast reflexartig. Schwierig genug, wie ich bei mir selbst täglich feststellen muss.

2. Richard Lugner ist ein Kulturbanause – oder?

Später kam dann die Sprache auf sein Lebenswerk, die Lugner City. Auch dazu hatte Richard Lugner etwas Interessantes zu sagen.

„Wenn i in die Oper gehe und da gibt’s eine Oper, wo ich die Sprache ned versteh und nur so ein bissl auf die Musik horche, dann denke ich oft viel nach und entwickel dort gute Ideen. Bin ein Kulturbanause, kann man dann sagen.“

Vielleicht bleiben viele Hörer beim Wort „Kulturbanause“ hängen und sehen ein Klischee bestätigt. Der Zen-Moment entstand für mich aber im Teil davor, den für mich das eigentliche „Outing“ halte: Richard Lugner denkt viel nach. Er ist ein Unternehmer, der sich ständig Gedanken über sein Unternehmen macht, zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten. Das klingt nach einer nachdenklichen unternehmerischen Person. Das erinnert mich an mich! Bin ich Richard Lugner vielleicht ähnlicher als ich dachte?

Es ist leicht, die Unterschiede im Anderen zu sehen. Über die Unterschiede definieren wir uns, grenzen uns ab, machen wir uns zu etwas Besonderen. Es ist viel schwerer, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Dabei wäre es lohnend, genauer auf die Gemeinsamkeiten zu sehen, weil sie uns erlauben, Beziehungen zu knüpfen – sowohl beruflich als auch privat. Gute Beziehungen haben meiner Erfahrung nach immer dort begonnen, wo sich zwei Leben an gemeinsamen Erfahrungen oder Eigenschaften berührt haben.

3. Richard Lugner kann nicht über seine Gefühle sprechen – oder?

Claudia Stöckl kam auch darauf zu sprechen, dass sich Richard Lugner schwer zu tun scheint, über seine Gefühle zu sprechen. Als Themen-Eröffnung spielte sie ein Zitat von Udo Jürgens ein:

„Wer nicht geweint hat aus tiefstem Herzen, und wer nicht gelacht hat aus tiefstem Herzen, der hat einfach nicht gelebt.“

Dass Udo Jürgens ein verkannter Zen-Meister ist, habe ich an anderer Stelle ja schon erläutert. Über sein Zitat könnte man auch lange nachdenken, aber jetzt geht es um Richard Lugner. Mein dritter Zen-Moment entstand nämlich da, wo Richard Lugner perfiderweise mit Udo Jürgens kontrastiert wurde.

Okay, Udo Jürgen und Richard Lugner sind/waren ungefähr gleich alt. Okay, Udo Jürgens ist gerade viel in den Medien, Richard Lugner auch ständig. Okay, beide hatten in ihren Leben mehrere Frauen. Aber was haben die beiden sonst gemeinsam? Gegen einen Künstler wie Udo Jürgens kann ein Pragmatiker wie Richard Lugner nur abstinken, wenn es um das Ausdrücken von Gefühlen geht. Ich weiß, ich habe gerade vorhin geschrieben, dass es lohnt, Gemeinsamkeiten statt Unterschiede herauszustreichen. Aber das bedeutet nicht, Gemeinsamkeiten zu konstruieren, wo keine sind. Warum macht Claudia Stöckl das? Was will sie uns damit (zwischen den Zeilen) sagen?

 Es lohnt, gut hinzuhören. Hinzuhören auf das, was gesagt wird. Hinzuhören auf das, was nicht gesagt wird. Und hinzuhören auf das, mit dem Gesagten und Nichtgesagten Bilder gezeichnet werden. Oft unbewusst, aber manchmal auch bewusst, wie ich es dem Medien-Profi Claudia Stöckl in diesem Fall unterstelle.

4. Richard Lugner ist reich – oder nicht?

Zum Abschluss kam die Sprache dann noch kurz auf sein Vermögen und das Thema Reichtum. Dazu sagte Richard Lugner:

„Schauen Sie… die Frage, was ist Reichtum. Ich habe ein Vermögen zusammengetragen, aber ich kann über das Vermögen ned in dem Ausmaß verfügen, weil die Einnahmen, die ich von der Lugner City hab, verwende ich, um Schulden zu tilgen. […] Also es is ned so, dass ich im Geld schwimme.“

Diesen Zen-Moment finde ich natürlich mit meinem Hintergrund als Betriebswirtschafts-Trainer sehr spannend. Richard Lugner bringt in einfachen Worten den Unterschied zwischen Vermögen (seine Lugner City) und Liquidität (sein Cash im Geldbörsl) auf den Punkt – und damit auch das Grundproblem mit unserem Verständnis von „Reichtum“. Ist man wirklich reich, wenn man viel besitzt, aber darauf nicht zugreifen kann?

Im Zen gibt es eine interessante Position zum Thema Geld und Reichtum, die ich an anderer Stelle mal genauer beleuchten werde. Für’s Erste bleibe ich bei folgender Anregung: Bevor man neidig wird auf den Reichtum anderer, lohnt es zu  hinterfragen, worin genau der Reichtum besteht und ob man ihn unter diesen Konditionen wirklich auch selbst haben will.

Foto: Andreas Tischler

Link-Tipps:

„Ö3 Frühstück bei mir“ vom 25. Jänner 2015 mit Richard Lugner zum Nachhören

Ab sofort alles öffentlich: Richard Lugner zieht sich aus Privatleben zurück (Tagespresse)


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
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