Mein Opa in England

Im Vorraum unserer Wohnung hängt eines meiner Lieblingsfotos. Es stammt aus dem Jahr 1982, zeigt meinen Opa im Fernsehsessel, und rund um ihn sind seine (damals) drei Enkel gescharrt: Meine zwei Cousins und ich, etwa anderthalb Jahre alt. Als ich mir dieses Foto heute angesehen habe, ist mir die folgende Geschichte wieder eingefallen.

Ich bin, so würde man heute sagen, in einem Mehrfamilienhaus aufgewachsen. Meine Eltern, mein Bruder und ich haben das Obergeschoß bewohnt, und im unteren Gesch0ß wohnten meine Großeltern väterlicherseits. Für mich war es ganz normal, meine Großeltern jeden Tag um mich zu haben und konnte mir lange gar nicht vorstellen wie es wäre, wenn sie nicht da wären.

Mein Opa war kein Mann großer Worte, aber am Tonfall seines Brummens konnte man viel heraushören. Er war definitiv keiner der Opas von heute, die mit ihren Enkerln zum Enkel-Kind-Turnen gehen oder Stunden mit ihnen am Spielplatz verbringen. Er stammte aus einer ganz anderen Generation: Als er 1912 geboren wurde, gab es noch den Kaiser und die Donau-Monarchie. Trotzdem konnten mein Bruder und ich ihn ab und zu zum Fußballspielen bewegen oder ihn hin und wieder zum Sandspielen motivieren. Heute weiß ich, dass hinter seiner mitunter etwas bärbeißigen Art viel Liebe und Zuneigung für uns gesteckt hat.

Mein Opa war ein einfacher Mann. Er war Bauer in Olgersdorf und ist nie viel aus dem Weinviertel heraus gekommen. Aber die Tragödie des Zweiten Weltkriegs hat es mit sich gebracht, dass er – wie viele andere junge Österreicher damals auch – als Soldat in Kriegsgefangenschaft geriet. Er hatte wohl Glück im Unglück, dass er von den Briten gefangen genommen wurde – anders als mein anderer Opa, der seine Gefangenschaft in Russland verbringen musste.

Interessanterweise, und das ist mir als Kind schon aufgefallen, dürfte er seine Zeit in England durchaus positiv in Erinnerung gehabt haben. Er hat uns schon als Kinder beigebracht, dass man in England „Good Morning“ sagt (wobei er das eher wie „Gut Moaling“ ausgesprochen hat). Er hat seine Gefangenschaft in Colchester („Koltschesta“) und Manchester („Mantschesta“) verbracht und dürfte dort, wohl aufgrund seines bäuerlichen Fachwissens, Zwangsarbeiter in den dortigen Agrarbetrieben gewesen sein (so genau habe ich das damals nicht hinterfragt).

Jedenfalls habe ich bis heute im Ohr, wie er mir mit leuchtenden Augen von einer Erkenntnis erzählt hat, die er von seiner Zeit in England mitgenommen hatte (stellt euch das Folgende natürlich in der Weinviertler Mundart vor): „In England, da sind’s Bauern, so wie wir. Die haben auch Bauernhöfe so wie da, nur heißen die dort ‚farm‘.“

Mich hat das immer berührt und tut es bis heute. Zu erkennen, dass der „Feind“ mit mir mehr Ähnlichkeiten hat als Unterschiede, dass Menschen in anderen Teilen der Welt auch nur Menschen sind, dass Bauern überall auf der Welt die gleichen Aufgaben, Sorgen und Probleme haben und dieselben Dinge oft nur andere Namen haben… das ist eine große Einsicht. Und dass er, ein Mann weniger Worte, mir diese Erfahrung mitgeben wollte, empfinde ich als großes Geschenk – heute mehr denn je.

Mein Opa ist 1998 gestorben, das ist bald zwanzig Jahre her. In der Welt von heute würde er sich wohl nur schwer zurecht finden. Aber das, was er in Colchester und Manchester erfahren hat, besitzt heute (mindestens) noch die gleiche Gültigkeit wie damals.

Share this post