Doch dann kam alles wie immer…

The Messy Middle

Wiktor Tschernomyrdin war ein russischer Politiker. Obwohl er in den 1990er Jahren Präsident der Russischen Föderation war, ist nicht viel von ihm in Erinnerung geblieben. Aber er hatte einen Zen-Moment, der ihn für mich unvergessen machen wird. Bei einer Pressekonferenz zur Währungsreform in Russland wurde er gefragt, wie denn die Vorbereitungen für die Reform laufen würden. Als Antwort sprach er die inzwischen geflügelten Worte: „Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer.“

Aus dem Mund eines Politikers klingt sowas natürlich nach Realsatire. Aber das Grundproblem kennt wohl jeder aus eigener Erfahrung: Wir haben ein neues, sehr cooles Vorhaben. Wir legen uns einen Plan zurecht. Wir verspüren eine Aufbruchstimmung, eine Energie, die unsere Zukunft in den leuchtendsten Farben erscheinen lässt. Wir starten voll Elan, Begeisterung und Durchhaltevermögen los. Und dann kommt alles wie immer…

Die Mitte, wo alles durcheinander gerät

Man stößt auf erste Hindernisse und kommt drauf, dass die prächtige Idee in der Umsetzung dann manchmal ziemlich mühsam ist. Der Plan scheint nicht so leicht umzusetzen wie gedacht. Energie und Begeisterung lassen etwas nach. Gleichzeitig erwachen die Selbstzweifel: War die Idee vielleicht doch nicht so toll? Ist sie den ganzen Aufwand überhaupt wert? Wäre es nicht besser, wenn ich meine Zeit und Energie in etwas anderes, sinnvolleres stecken würde?

Michael Hyatt nennt diese Phase „the messy middle“. Auf Deutsch bedeutet das etwa: Die Mitte, wo alles durcheinander gerät. Die Phase jedes Projekts oder Plans oder Prozesses, wo die Begeisterung des Anfangs nachlässt und man „am Boden der Realität“ ankommt. Die Landung ist  meistens ernüchternd und manchmal sogar echt schmerzhaft. Und sie ist „messy“ in dem Sinn, dass sich die tollen Bilder im Kopf auflösen und man das Gefühl hat, vor dem Scherbenhaufen seiner Träume zu stehen.

Die „messy middle“ in Aktion 

Dabei ist es tröstlich zu wissen, dass jeder mit der messy middle zu kämpfen hat. Nämlich wirklich jeder. Manche können sie nur besser kaschieren als andere. Beispiele für Messy-Middle-Kämpfer findet man allerorts. Man muss nur genauer hinsehen. Ein paar Beispiele zur Anregung der Wahrnehmung:

  • Die Bloggerin: Eine Studie des Blog-Verzeichnisses Technocrati hat 2009 ergeben, dass 95% aller Blogs in den letzten 4 Monaten nicht upgedatet wurden. Das weiß auch unsere Bloggerin, aber ihr würde das nicht geschehen. Sie ist mit dem Vorsatz gestartet ist, über längere Zeit und sehr regelmäßig zu schreiben und freut sich richtig drauf. Am Anfang läuft alles glatt, aber dann kommt alles wie immer: Die Momente, wo unsere Bloggerin von der Muse geküsst wurde, wurden seltener. Bloggen wurde für sie zusehends herausfordernder. Keine Spur mehr von Leichtigkeit des Anfangs. Manchmal musste jedes einzelne Wort musste erkämpft. Bloggen ist für sie „messy“ geworden und (pfui!) fast schon Arbeit. Wird sie es schaffen, trotzdem weiterzumachen?  
  • Der Jungunternehmer: Als unser Jungunternehmer startete, hatte er Großes vor Augen: Er wollte etwas sinnvolles Schaffen das die Welt verändert. Er wollte Spaß beim Arbeiten haben und sein eigener Chef sein. Er wollte für seine Kunden da sein und ihnen Top-Qualität bieten. Er wusste, dass ein Drittel in den ersten 3 Jahren aufgibt, aber ihm würde das nicht passieren, denn seine Idee ist einfach zu gut. Doch dann kam alles wie immer: Dass er sich mit konkreter Planung und Kostenrechnung nicht sehr beschäftigt hatte, rächt sich inzwischen auch bei ihm. Die Ich-AG wird „messy“: Das Planen und Rechnen macht ihm keinen Spaß, Kundenakquise liegt viel zu weit außerhalb seiner Komfortzone, um sich dorthin vorzuwagen. Er sieht seine Vision zerbröseln. Wird er es schaffen, da wieder raus zu kommen? 
  • Die Marathonläuferin: Unsere Marathonläuferin kennt die „messy middle“ zur Genüge: Der Start fällt ihr leicht, der Zieleinlauf noch leichter. Doch dazwischen kommt alles wie immer: Der Weg zwischen Start und Ziel ist doch ziemlich lang. Sie hat das natürlich vorher schon gewusst, aber das hilft ihr in dem Moment nichts, wo der Atem kurz und die Beine schwer sind. „Warum mache ich das nochmal? Ich muss wohl völlig verrückt sein!“, spielt ihr das Hirn wie eine hängengebliebene Schallplatte „laufend“ ein. Wird sie es schaffen, die Zweifel zu ignorieren und einfach weiter zu laufen, Schritt für Schritt bis zum Ziel?
  • Der Single: Frisch raus aus der letzen Beziehung, fühlt sich unser Single wie neu geboren. Die langjährige Beziehung mit der Ex war, bei Licht betrachtet, ohnehin ein einziger Schatten. Er ist bereit für das, was ihn nun erwartet: neue Liebe, neues Glück. Doch dann kommt alles wie immer: Liebe und Glück wollen sich nicht so rasch wie gedacht einstellen. Die Suche nach der neuen Partnerin gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nicht, dass er keine Dates hätte. Aber der Funke will einfach nicht überspringen. Hat er vielleicht einen Fehler gemacht? Eigentlich war die Ex ja gar nicht so übel. Wird er es schaffen, sich auf immer neue Dates mit ungewissem Erfolg einzulassen, ohne die Hoffnung zu verlieren und zur Ex zurückzukehren?

Wie kann man die messy middle vermeiden?

Ich behaupte: Gar nicht. Man kommt nicht dran vorbei, man kommt bestenfalls durch. Die messy middle gehört zu jedem Vorhaben dazu wie Start und Ziel. Sie gehört zu jedem großen und kleinen Erfolg. Vielleicht ist es sogar der Erfolg an sich, durch die messy middle durchzukommen. (Das behauptet zumindest Andre Agassi, der eine sehr interessante Definition von Erfolg hat. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.)

Dennoch habe ich ein paar Tipps gesammelt, die (zumindest mir) helfen, in der messy middle durchzuhalten:

  1. Halte dir vor Augen, warum du losgestartet bist. Ich schreibe mir deswegen beim Start eines Projekts immer stichwortartig zusammen, was mir mein Vorhaben bringen soll. Wenn sich dann Zweifel einschleichen, kann ich diese Punkte wieder nachlesen und das größere Ganze im Blick behalten.
  2. Vergiss nicht, dass es jedem so geht, nicht nur dir. Es liegt nicht an dir, dass du zwischendurch die Energie verlierst. Das liegt in der Natur der Sache. Wer das Gegenteil behauptet, der lügt.
  3. Versuche nicht, die messy middle zu ignorieren, sondern nimm sie bewusst wahr. Schau hin. Es ist keine Schande, in der messy middle zu sein. Das Geheimnis des Erfolgs ist einfach, durchzukommen.
  4. Tue, was zu tun ist. Denk nicht zu viel nach sondern mach die Dinge, die notwendig sind. Auch wenn sie sich gerade nicht angenehm anfühlen. Die Belohnung kommt dann, wenn du im Ziel bist. Versprochen.

 

Am Mittwoch beginnt die Fastenzeit. Ich habe mir vorgenommen, meinen Süßigkeiten-Konsum, der außer Kontrolle geraten ist, radikal einzuschränken. Ich nehme an, dass dabei alles kommen wird wie immer, und zwar ziemlich schnell. Ob mir meine eigenen Tipps dann helfen werden? Oder habt ihr noch eine gute Idee, wie ich es ohne Schokolade durch die messy middle schaffen kann? Wenn ja, schaut bitte auf Facebook vorbei und hinterlasst mir euren Tipp.

Beitragsbild: stephaniequilao.com

 


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
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