Mit dem Zengärtner in den Zengärten

Der Zengarten im Ginkakuji Tempel in Kyoto

Ein Gast-Beitrag von Viktoria Schmatzberger

 

Ich hatte in den letzten zwei Wochen die Freude, mit Günter mehrere Zengärten in Japan besuchen zu können.

Wäre ich alleine oder mit wem anderen unterwegs gewesen, dann wäre ich wahrscheinlich maximal zum Ryoan-ji Zengarten – dem bekanntesten Zengarten in Kyoto – gegangen. In einem Traveller-Blog habe ich den Kommentar gelesen, dass die Leute enttäuscht waren vom Zengarten. So ist es mir bei manchen ehrlich gesagt auch gegangen.

Was soll man sich erwarten, wenn man einen Zengarten besucht? Ich habe Bilder gesehen und hab mir gedacht, dass die Zengärten dann auch in Echt so aussehen werden. Manchmal hat es auch gestimmt, aber manchmal ist das Moos einfach auch ausgetrocknet und braun. Aber im Endeffekt ist ein Zengarten einfach ein Zengarten, das heißt, ein Ort, wo Kies ausgebreitet, gerechent und mit ein paar Steinen „verziert“ ist.

Was mich aber wirklich fasziniert hat, ist, wie lange Günter einfach dasitzen konnte und auf den Zengarten geschaut hat. Ich habe keine Ahnung, was da alles in seinem Kopf vorgegangen ist. Ich bin meistens am Anfang neben ihm gesessen und habe entspannt, dann habe ich mir den Rest angesehen und dann noch Fotos von Günter gemacht. Im Gegensatz zu Günter hat es mir nicht gereicht, einfach nur da zu sitzen und den Zengarten auf mich wirken zu lassen.

Die Pointe und der Grund, warum ich heute diesen Blogbeitrag schreibe kommt jetzt:

Die Zengärten sind meistens bei Tempeln und von riesigen Anlagen mit wunderschönen Gärten – man möchte teilweise schon fast von Parks sprechen – umgeben. Auf jeden Fall waren wir bei oben genannten Ryoan-ji und Günter war nach über einer halben Stunde im Zengarten bereit weiter zu ziehen.

Wir sind also durch den wunderschönen Garten in Richtung Ausgang gegangen, an einem riesigen Teich entlang, wo Unmengen an Seerosen geblüht haben. Günter hat das Handy rausgeholt um zu schauen, wie wir am besten zum nächsten Programmpunkt kommen würden. Da habe ich ihn eingebremst, weil wir gerade an Schildkröten vorbei gingen, die sich auf einem Stein im Teich in der Morgensonne gesonnt haben. Günter hätte sie übersehen, weil er mit den Gedanken schon wo anders war.

Im Zengarten hat mir Günter erklärt, dass man den Zengarten symbolisch für das Leben sehen kann: die Steininseln sind Meilensteine, besondere Erlebnisse oder Pläne. Die Kiesfläche zwischendurch ist das Leben dazwischen, das unscheinbar wirkt, aber die einelnen Punkte verbindet und den Großteil der Fläche (= Zeit) ausmacht.

Mitten im Garten, nur wenige Minuten nach dieser Erklärung, habe ich Günter also angehalten und gesagt „Du hattest diese Erkenntnis, aber du setzt sie nicht um“. Wie waren unterwegs zum nächsten Erlebnis, aber auch der Weg dort hin war schön. Man musste nur hinschauen und es so wie die Schildkröten machen: durchatmen und den Moment genießen.

Im Urlaub fällt es einem noch leichter den Weg zu genießen. Auch wenn es manchmal einen anderen Menschen oder einen Zengarten braucht um sich daran zu erinnern und zu genießen. Jeder braucht manchmal Hilfe im Moment zu leben und den zu genießen. Auch Günter. Auch ich.

Lieben Gruß,

Viki

 

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