Mu! oder die Suche nach einer weiseren Frage

Mu

Aus Japan ist folgende Geschichte überliefert (und wird von mir hier sehr frei nacherzählt):

Vor Jahrhunderten lebt ein Zen-Mönch. Dieser Mönch galt als sehr weise, und so kam es, dass ihn die Menschen oft und gerne um seinen Rat fragten. Mit der Zeit schien ihm die ständige Fragerei aber auf die Nerven zu gehen, und er begann, seine Mitmenschen mit einer eigenartigen Antwort zu überraschen. Wann immer er eine Frage, die ihm gerade gestellt wurde, für sinnlos oder wenig hilfreich hielt, antwortete er nur mit „Mu!”. Und er antwortete so lange mit „Mu!”, bis ihm eine Frage gestellt wurde, die er für wirklich interessant und beantwortenswert hielt.

Dazu muss man wissen, dass „Mu” auf japanisch in etwa „nichts” heißt. Mit diesem „Mu!” wollte der Mönch dem Fragenden also im Grunde nur zu verstehen geben, dass eine „richtige” Antwort völlig sinnlos wäre, weil die dazugehörige Frage schon sinnlos war. Er wollte seine Mitmenschen also dazu ermuntern, sich selbst und ihm weisere Fragen zu stellen.

Sich selbst weisere Fragen stellen… Dieser Gedanke hat mich in der letzten Zeit ziemlich beschäftigt. Mir geht es nämlich wahrscheinlich nicht anders als den meisten Menschen: Ich ertappe mich immer wieder beim Nachdenken über Fragen, die ich im Grunde gar nicht beantworten kann und die mich auch nicht wirklich weiterbringen. Solche Fragen klingen typischerweise so: „Und was, wenn…” oder „Glaubst du wirklich (nicht), dass…” oder „Was würde XYZ tun/sagen/denken, wenn…” oder „Stell dir vor, dass dies oder jenes. Was machst du dann?”. Das sind allesamt Fragen, mit denen ich über meine Zukunft spekuliere und versuche, heute Antworten auf etwas zu finden, was irgendwann einmal (oder vielleicht auch nie) passieren wird. Man sagt zwar, dass es keine dummen Fragen gäbe, aber es gibt wohl auch nicht etwas viel Törichteres, als über Fragen zu grübeln, auf die man keine Antworten finden wird, weil man gar keine Antworten finden KANN.

Ich habe daher vorige Woche ein kleines Experiment gestartet: Immer dann, wenn ich mich beim sinnlosen Nachgrübeln über Was-wäre-wenn-Fragen ertappe, sage ich zu mir selbst: „Mu! Stell eine weisere Frage.” Damit erinnere ich mich daran, einem Moment innezuhalten und mir bewusst zu machen, worüber ich da gerade nachgrüble. Ist es eine weise Frage, mit der ich mich da beschäftige? Wenn nein: Fällt mir eine weisere Frage ein, über die nachzudenken wirklich was bringt? Und wenn auch das nicht der Fall ist, dann liegt auf der Hand, dass es das Weiseste ist, mit dem Nachdenken überhaupt aufzuhören.

Ich lade euch, meine lieben Leser, deshalb dazu ein, euch ebenfalls die Erlaubnis zu geben, immer dann, wenn ihr euch beim Grübeln über sinnlose Fragen ertappt, zu sagen: „Mu! Stell eine weisere Frage.” Ich glaube, das könnte sehr entspannend wirken.

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