Das Zen des Sich-Notizen-Machens

Günter Schmatzbergers Notizen

Es gibt Dinge, die wundern mich einfach. Dinge, für die ich keine rechte Erklärung finden kann. Eines dieser Dinge ist meine Beobachtung, dass sehr wenige Menschen sich in Gesprächen, Meetings, Vorträgen usw. Notizen machen.

Und mit dieser Beobachtung bin ich nicht alleine. Auch Michael Hyatt, dessen Blog ich sehr schätze, ist das aufgefallen.

„I spend most of my work-life in meetings. Note-taking is a survival skill. Yet, I am surprised at how few people bother to take notes in meetings.“

Ich selbst bin ja ein großer Fan des Sich-Notizen-Machens. Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass mein ganzer Arbeits- und Kreativprozess davon abhängt, was ich mir aufschreibe – und was nicht. Ich liebe es, mir Notizen zu machen: In Meetings, in Gesprächen, bei Vorträgen, beim Lesen, beim Podcast-Hören, beim Nachdenken.  Praktisch immer und überall.

In diesem Artikel will ich einige Vermutungen anstellen, was Menschen am Notizen-Machen hindern könnte, und euch näher bringen, warum Notizen machen für mich eine Form von Zen-Meditation ist.

Was hindert uns am Notizen-Schreiben?

1. „Mitzuschreiben“ ist etwas für Anfänger. 

Ich glaube, dass sich manche beim Gedanken an das Mitschreiben in die Schulzeit zurückversetzt fühlen.  Damals hat man brav notiert hat, was der Lehrer gesagt hat – Wort für Wort, ohne viel zu hinterfragen. Sich keine Notizen mehr machen zu müssen, wird nun als Zeichen gesehen, es „geschafft“ zu haben: Nun sind andere dran, aufmerksam zu lauschen und sich Notizen zu machen.

In einem sehr lesenswerten Artikel beschreibt der Gründer von Virgin, Richard Branson, warum diese Einstellung aus seiner Sicht ein grober Irrtum ist:

„Note taking is one of my favourite pastimes. I can’t tell you where I’d be if I hadn’t had a pen on hand to write down my ideas (or more importantly, other people’s) as soon as they came to me. Some of Virgin’s most successful companies have been born from random moments – if we hadn’t opened our notebooks, they would never have happened.“

Richard Branson dreht die Argumentation also um: Für ihn ist es ein Zeichen von Erfolg, sich bei jeder Gelegenheit Notizen zu machen. Nur ein Amateur würde freiwillig darauf verzichten wollen. 

2. Das merke ich mir eh.

In diesem Punkt kommen wohl Faulheit und Selbstüberschätzung zusammen: Man glaubt, dass das eigene Hirn fit genug ist, sich alles (oder zumindest alles Wichtige) eh merken zu können. Und es stimmt ja auch: Eine Stunde oder vielleicht noch einen Tag später ist das Gespräch wirklich noch präsent. Aber danach? Richard Branson hat auch dazu was zu sagen:

„No matter how big, small, simple or complex an idea is, get it in writing. […] If you don’t write your ideas down, they could leave your head before you even leave the room.“

Unlängst habe ich im Zug ein Gespräch zwischen drei jungen Männern mitgehört. Darin hat sich einer beklagt, dass er sich gerne selbständig machen würde, er aber keine zündende Geschäftsidee hat. Innerhalb einer Dreiviertelstunde haben die drei ein gutes Dutzend Geschäftsideen gebrainstromt. Sicher, es war nicht jede davon genial, aber es waren gute Ansätze dabei. Ich glaube aber nicht, dass der verhinderte Unternehmer sich eine davon notiert hat…

3. Es hat keinen Sinn. 

Manch einer empfindet Mitschreiben als vergebene Liebesmüh. Was hat es denn für einen Sinn, sich Notizen zu machen, wenn man dann kein verlässliches Ablagesystem hat, in dem man seine Notizen ablegen und verwalten kann? Man würde sie ja ohnehin nie mehr wieder finden. Nichts blieb unversucht: Post-its, Notizbücher, digitale und physische Ordner. Nichts hat geholfen. Die Notizzettel verschwanden früher oder später irgendwo im Nirvana. Also warum überhaupt mit dem Mitschreiben anfangen?

Dieses Argument kann ich gut nachvollziehen, weil ich auch lange damit gekämpft habe, mir ein Ablagesystem zurechtzulegen, dem ich wirklich vertrauen kann. Inzwischen habe ich für mich ein brauchbares System entwickelt. Einen Einblick in darin werde ich euch nächste Woche an dieser Stelle geben.

4. Mitschreiben ist unhöflich.

In vielen Situationen scheint es einfach nicht „angebracht“, sich Notizen zu machen. Das gilt natürlich für den romantischen Restaurantbesuch mit der Liebsten, aber auch in anderen privaten Gesprächssituationen. Es wäre zumindest ungewöhnlich, wenn einer der Gesprächspartner plötzlich sagen würde: „Moment mal, das war jetzt gerade sehr interessant, was du da gerade gesagt hast. Das würde ich mir gerne aufschreiben.“ Wer macht das schon?

Ich. Oder besser gesagt: Ich würde es gerne tun. Das ist nämlich der Punkt, mit dem ich immer noch kämpfe. Oft scheue ich mich davor, in einem spannenden privaten Gespräch Notizen zu machen (obwohl ich mein Notizbuch dabei hätte), weil ich… Ja warum eigentlich? Wahrscheinlich aus Scheu, dem Gespräch einen „geschäftlichen“ oder „offiziellen“ Touch zu geben. Oder aus Angst, dass das Gefühl entstehen könnte, dass durch das „Festhalten“ der Gedanken die Leichtigkeit des Gesprächs verschwinden könnte. Oder so etwas in die Richtung.

Dabei kribbelt es in meinen Fingern, und ich kann es kaum erwarten, nach dem Gespräch in die Straßenbahn oder nach Hause zu kommen und schnell alle Ideen und Anregungen aufzuschreiben, die ich aus dem Gespräch mitgenommen habe.

Also, meine lieben Gesprächspartner, die ihr mir so viele gute Ideen und interessante Anregungen gebt: Wer mir eine besondere Freude machen möchte, der/die eröffne das Gespräch bitte mit den Worten: Günter, es ist okay, wenn du dir Notizen machst. 😉

Das Zen des Notierens

Notizen-Machen hat für mich etwas von Zen-Meditation, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Notizen machen entspannt mich. Wenn ich mir Notizen mache, hat mein Gehirn etwas zu tun, auf das es sich konzentrieren kann. Und sehr oft bringt es mich dadurch in einen Flow.
  • Notizen machen hat mich schon über so manche unangenehme Situationen hinweggebracht. Wenn ich mich auf meine Notizen konzentrieren kann, dann kann ich mich irgendwie für eine Zeitlang aus der Situation ausklinken, „in meine Welt“ verschwinden und dort bleiben, bis der unangenehme Moment vorbei ist.
  • Notizen machen hilft mir beim Zuhören – sowohl meinen Gesprächspartnern als auch mir selbst. Wenn ich Notizen mache, höre ich aufmerksamer zu, weil ich weniger abgelenkt bin. Und ich denke, der Sprecher spürt diese gesteigerte Aufmerksamkeit auch. Mitschreiben kommuniziert für mich daher auch Wertschätzung.
  • Notizen machen entlastet mein Gehirn. It etwas zu Papier gebracht, kann es aus meinem Kopf raus. Mein Kopf ist damit frei für etwas Neues, weil es weiß, dass kein Gedanke verloren gehen wird. Er ist ja in der Notiz festgehalten. 
  • Notizen machen hilft mir daher, aufmerksam präsent zu sein. Es geht für mich beim Mitschreiben nämlich nicht nur darum, etwas aus dem Gespräch mitzunehmen und „zu sichern“, sondern darum, während (!) des Gesprächs voll da zu sein.
  • Notizen machen erhöht meine Glaubwürdigkeit. Ich bin draufgekommen: Wer Notizen macht, dem wird geglaubt. Weil die meisten eben keine Notizen machen, müssen sie sich auf ihr Gedächtnis verlassen. Und wenn es drauf ankommt, was wird mehr Gewicht haben? Vagen Erinnerungen oder schriftliche Notizen?
  • Notizen machen ist für mich wie Spielen. Notieren heißt nämlich nicht, wortwörtlich Protokoll zu führen. Ich liebe es, meine Gedanken zu Papier zu bringen, mit eigenen (oder fremden) Ideen zu verbinden und zu etwas Neuem zu machen. James Altucher nennt das sehr passend „idea sex“.

Wie geht es euch mit dem Notizen-Machen? Warum macht ihr (keine) Notizen? Was hindert euch am meisten?

 


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
Mehr über Zen im Alltag gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf Facebook.
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