Räume und Begrenzungen

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Unsere Mini-Zengärten haben einen Rahmen aus Holz. Der ist nicht nur dazu da, dass der Sand nicht ausläuft, sondern hat noch einen tieferen philosophischen Sinn.

Unlängst hatte ich ein interessantes Gespräch über den Sinn und Unsinn von Meetings. Wir sprachen dabei auch darüber, dass zum Beispiel beim Gehen ganz andere Gespräche in Gang kommen und ganz andere Themen angesprochen werden (darüber habe ich vor Längerem schon mal gebloggt). Das Fazit unseres Gesprächs war, dass wir viel zu viele Meetings in geschlossenen Räumen verbringen und mehr raus gehen sollten, weil das die Gedanken anregen und den Horizont erweitern würde.

Dem stimme ich immer noch zu. Und dennoch möchte ich hier eine Lanze brechen für die Räume, die wir uns schaffen und mit denen wir uns umgeben. Sie erfüllen nämlich ganz wertvolle Aufgaben:

  • Räume bieten Schutz. Sie schirmen uns ab vor Wind und Wetter – und manchmal auch vor unliebsamen Nachbarn oder Kollegen. Sie erlauben uns, dass wir uns auf unsere Arbeit konzentrieren können, indem sie Störquellen draußen halten. Nicht umsonst schaffen wir uns deshalb auch dann Räume, wenn wir im „öffentlichen Raum” unterwegs sind: Da belagert jemand Parkbänke oder U-Bahn-Sitze so, dass niemand mehr neben ihm sitzen kann. Dort geht eine junge Dame mit Kopfhörern durch die Straße und schafft sich so ihren eigenen akustischen Raum.
  • Räume ermöglichen Fokussierung, weil sie Grenzen ziehen. Räume trennen die Welt in zwischen „draußen” und „drinnen”. Wir Menschen brauchen die Unterscheidung zwischen dem, was dazu gehört und dem, was nicht dazu gehört in unserem Denken ganz notwendig. Erst dadurch sind wir überhaupt fähig, unsere Ideen zu formulieren und anderen mitzuteilen. Nur, indem wir unsere Gedanken und Worte begrenzen und fokussieren (quasi „Denk-Container“ schaffen), haben wir überhaupt die Chance, verstanden zu werden.
  • Räume schaffen Vertraulichkeit. Was gesagt, gedacht, getan wird, bleibt innerhalb der vier Wände. Dass nichts nach draußen dringt, dass durch die Begrenzung eines Raumes Vertrautheit entsteht, ist die Voraussetzung für ganz viele Formen von zwischenmenschlichen Begegnungen.

Und so ist es auch mit einem Zengarten: Indem es ein „innerhalb des Zengartens” und ein „außerhalb des Zengartens” gibt, wird es möglich, dass wir unsere Gedanken auf einen bestimmten Punkt im Zengarten oder auf eine Tätigkeit wie das Rechen konzentrieren. Durch die räumliche Begrenzung des Zengartens lösen sich unsere Gedanken aus ihrer geistigen Begrenzung.

Das mag wie ein Widerspruch klingen, aber so ist das eben im Zen: Erst Räume UND Grenzenlosigkeit, Schutz UND Verletzbarkeit, Fokussierung UND Weitblick ergeben das Leben in seiner gesamten Vielfalt, Schönheit und Mächtigkeit.

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