Sauberes Maria Enzersdorf

Sauberes Maria Enzersdorf

Seit Anfang des Jahres wohne ich mit meiner Familie (= Viki und Andi) in der Südstadt, gelegen in der Marktgemeinde Maria Enzersdorf südlich von Wien. In besagtem Maria Enzersdorf fand am 1. April die „Aktion Sauberes Maria Enzersdorf” statt. Eine interessante Erfahrung.

Am sonnigen Samstagnachmittag des 1. April 2017 trafen sich also engagierte Südstädter und -innen vor der örtlichen Volksschule und wurden mit oranger Warnweste, Speeren, orangen Müllsäcken und orangen Handschuhen ausgestattet. Dann ging es daran, den in der Südstadt herumliegenden Müll mit den ausgehändigten Speeren oder den ausgehändigten Handschuhen in den ausgehändigten Müllsack zu stecken und, wenn dieser Müllsack voll war, diesen wieder bei der Volksschule abzugeben. Einfach und klar genug, finde ich.

Als brandneuer Gemeindebürger war ich neugierig, wie so eine Nachbarschaftsaktion wohl ablaufen würde. Nach Jahren in Wien Ottakring, wo es sowas wie Gemeindeleben ja nicht gegeben hat, war ich gespannt auf meine Nachbarn und das gemeinsame Saubermachen.

Wie’s gelaufen ist, hier kurz in Stichpunkten:

  • In der Südstadt wohnen ca. 4.000 Menschen. An der Aktion beteiligt haben sich geschätzte 40.
  • Ich wurde einem kleinen Reinigungsgrüppchen zugeteilt, bestehend aus mir, einer Oma und ihrem Enkerl. Keine fünf Minuten, nachdem wir drei das Müllsammeln begonnen hatten, waren Oma und Enkerl verschwunden und warden nie mehr gesehen. Ich stand allein auf weiter Flur, im wahrsten Sinn des Wortes.
  • Viki und Andi haben mir dann aber Gott sei Dank Gesellschaft geleistet und mich moralisch und tatkräftig unterstützt (siehe Foto).
  • Innerhalb einer Stunde hatte ich meinen orangen Müllsack bummvoll gefüllt. Es gab wirklich sehr viel Müll einzusammeln.
  • Als Dankeschön durfte ich meine orange Warnweste und die orangen Handschuhe behalten. Die Warnweste hat seither einen Ehrenplatz in meinem Kasten.
  • Beim Heimgehen hat mich eine ältere Dame (wahrscheinlich aufgrund meiner orangen Warnweste) als Müllsammler erkannt und sich herzlich bei mir bedankt, dass ich mitgemacht habe. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Insgesamt also ein recht amüsanter Nachmittag für mich. Das Interessanteste (und auch der Grund, warum ich heute darüber blogge), war aber Folgendes: Als ich mit Viki, Andi und einem vollen Müllsack auf dem Rückweg zur Müll-Abgabestelle bei der Volksschule war, trafen wir auf eine Dame, die ebenfalls Müllsammlerin war (ebenfalls leicht an der Warnweste zu erkennen). Sie hat uns darauf angesprochen, wie toll sie es findet, dass Andi mit seinen zehn Monaten schon mitmacht und dass wir ihm damit ein tolles Vorbild wären. Und dann klagte sie über die „vielen Menschen“, die „heutzutage“ ihren Müll „einfach so wegwerfen” und die Kinder, die in dieser Hinsicht auch ganz „schlecht erzogen“ werden.

Interessant fand ich daran zwei Sachen:

  • Es scheint wohl nichts Verbindenderes zu geben, als gemeinsam über jemand anderen jammern/meckern/raunzen zu können. Gibt es ein gemeinsames Feindbild, kommt man sich schnell näher. Normalerweise funktioniert diese Strategie wunderbar. Deshalb war die Dame auch sichtlich irritiert, als ich auf das Jammern nicht eingestiegen bin.
  • „Sauberes Maria Enzersdorf” könnte man ja auch anders denken: Was wäre, wenn alle Maria Enzersdorfer sich einen Nachmittag Zeit nehmen würden und ihren „emotionalen Müll” entsorgen würden? Wenn sie auf negative Gedanken, auf Jammern und Klagen verzichten würden? Wenn sie stattdessen einfach dankbar wären, dass sie an einem wunderschönen Ort in mehr Wohlstand leben können als 90% der restlichen Weltbevölkerung? Dieses „Saubermachen”, das von innen kommt, hätte wahrscheinlich für die Umgebung mehr positive Auswirkung als zehn zusammengeklaubte Cola-Dosen.
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