Zen-Meister trifft Schulklasse

zenmeister

Im Zen war und ist das Verhältnis zwischen dem Lehrer und seinem Schüler seit jeher sehr wichtig. Von Anfang an war es so, dass man als Zen-Novize von einem Lehrer in den Zen-Buddhismus eingeführt wurde. Nur mit Hilfe eines Lehrers war es möglich, Erleuchtung zu erlangen. Bis heute sind daher zahlreiche Geschichten überliefert, die von den Zen-Meistern und ihren heute recht skurril anmutenden Unterrichtsmethoden erzählen.

Auch ich bin ein Lehrer. Aber nicht im Zen, sondern in meinem Zweitberuf als Business-Trainer. Meine Schüler sind also keine Zen-Novizen, sondern meistens erwachsene, berufstätige Menschen, denen ich die Grundlagen der Betriebswirtschaft näher zu bringen versuche. Das macht mir Spaß und das kann ich leidlich gut.

Aber dieser Tage hatte ich eine außergewöhnliche Aufgabe.

In unbekannten Gefielden

In der Gartenbau-Fachschule Ehrental in Klagenfurt waren diesmal meine Schüler echte SchülerInnen: 13 junge Damen und 4 junge Herren zwischen 17 und 19 Jahren. Auf Einladung des Betriebswirtschaftslehrers der Fachschule haben wir uns zwei ganze Tage lang  mit Dingen wie Kostenrechnung, Cash Flow und Umsatz beschäftigt.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass es ziemlich herausfordernd für die SchülerInnen war, mit einem fremden Lehrer ein Thema zu bearbeiten, das – so ehrlich muss man sein – nicht gerade den Ruf hat, ein „burner“ zu sein. Was ihr euch aber vielleicht nicht vorstellen könnt, ist, wie viel Respekt ich vor dieser Aufgabe hatte. Wie gesagt, mit erwachsenen TeilnehmerInnen kenne ich mich gut aus. Ich kann recht gut einschätzen, welche didaktischen Methoden „funktionieren“, bei welchen Themen ich etwas genauer erklären muss und mit welchen Beispielen ich die Inhale am besten veranschaulichen kann.

Aber bei SchülerInnen? Da konnte ich mich nicht einfach hinstellen und auf mein bewährtes Programm zurückgreifen. Da musste ich berücksichtigen, dass die meisten noch sehr wenig Berufserfahrung haben und auch sonst noch nicht viele Berührungspunkte zur Wirtschaftswelt haben. Da musste ich Beispiele wählen, die auch für junge Leute gut nachvollziehbar sind. Da musste ich darauf achten, möglichst einfache und anschauliche Erklärungen zu geben. Und selbst dann war nicht garantiert, dass ich es tatsächlich schaffen würde, das rüberzubringen, was ich mir vorgenommen hatte.

Gleich vorweg: Es ist alles gut gegangen. Ich kam in eine ganz liebe Klasse, die sich auf mich eingelassen hat und aktiv mitgearbeitet hat. Ich glaube sogar sagen zu können, dass die beiden Tage sowohl ihnen als auch mir Spaß gemacht haben und das Experiment geglückt ist.

Was ich dabei gelernt habe

Weil ich aber nun mal nicht rauskann aus meiner Haut, habe ich mir am Abend, allein im Hotelzimmer, Gedanken gemacht – und zwar darüber, was der Unterschied ist zwischen dem traditionellen Lehrer-Schüler-Verhältnis im Zen und dem, was ich als Lehrer/Trainer in der Schulklasse erlebt habe.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind mir vier Punkte besonders aufgefallen.

1. Was den Lehrer interessiert, muss den Schüler noch lange nicht interessieren.

Als Experte in einem Fachgebiet unterliegt man leicht dem Irrglauben, dass die Begeisterung, die man für sein Gebiet verspürt, von jedermann geteilt wird. Das tut man nicht in böser Absicht, sondern weil man sich einfach beim besten Willen nicht vorstellen kann, wieso andere dieses Thema nicht so spannend finden könnten wie man selbst. Das kann einem Jäger genauso passieren wie einem Fußballfanatiker oder einem Bruce-Springsteen-Fan.

Es ist deswegen immer wieder ganz heilsam zu merken, dass andere Menschen andere Interessen zu haben. Auch mir blieb diese Erfahrung in Klagenfurt nicht erspart. Wenn eine Schülerin sehnsuchtsvoll aus dem Fenster schaut, während ich voll Begeisterung über die Wichtigkeit der Liquidität in einem Unternehmen spreche… Da sagt ein Blick wahrlich mehr als tausend Worte.

2. Auch der Lehrer ist auf dem Prüfstand.

In den Geschichten von den alten Zen-Meistern ist die Sache klar: Ob eine Aussage gescheit war oder dumm, hing nicht unbedingt von der Aussage selbst ab, sondern davon, von wem sie stammte. Wenn ein Zen-Meister zum Beispiel auf eine Frage seines Schülers schwieg, war das ein Zeichen von großer Weisheit. Wenn aber ein Schüler auf die Frage seines Meisters nichts zu sagen hatte, war das ein Zeichen großer Dummheit. Ganz klar: Der Lehrer war immer der Weise, der Schüler meistens der Dumme.

Das ist definitiv vorbei. Meine SchülerInnen haben mich sehr deutlich wissen lassen, wenn sie mit einer Antwort von mir nicht zufrieden waren. Immer höflich, aber doch sehr direkt. Ein Schweigen wäre mir von ihnen wohl kaum als Beweis meiner Weisheit ausgelegt worden. Das ist natürlich völlig okay, aber ich muss schon sagen: Ein Zen-Meister hatte in dieser Hinsicht einen wesentlich entspannteren Job.

3. Der Lehrer wird zum Schüler

Im Zen waren (und sind) die Rollen eindeutig verteilt: Der Schüler lernt vom Lehrer. Ausnahmslos. Auch das war bei mir ganz anders.

Klar, fachlich haben die SchülerInnen von mir gelernt. Schließlich bin ich der Business-Experte. Aber gleichzeitig habe ich wahrscheinlich ebenso viel von meinen SchülerInnen gelernt. Nicht über Betriebswirtschaft, aber darüber, wie man den Unterricht für diese Altersgruppe gestalten sollte, welche Beispiele gut funktioniert und welche weniger, welche Fragen die jungen Leute beschäftigen und vieles mehr. Ich gehe mit einer langen Liste von Ideen nach Hause, die ich beim nächsten Mal berücksichtigen werde. Es lässt sich also gar nicht so leicht sagen, wer hier wem den Unterricht erteilt hat.

4. Vertrauen ist das Schwierigste

Die größte Herausforderung beim Lehren und Lernen ist aber damals wie heute gleich geblieben: Unterricht beruht auf dem Vertrauen in den Lern-Prozess – egal wie anstrengend, mühsam und vielleicht sogar hoffnungslos das Bemühen im Moment erscheinen mag. Lernen bedeutet nicht können, sondern können wollen. Das Lernen fühlt sich daher meistens auch nicht angenehm an. Kein Wunder, dass sowohl Lehrer als auch Lerner gerne so schnell wie möglich da raus wollen und versucht sind zu sagen: „Das lerne nicht nie!“ (Lerner) oder „Das ist ein hoffnungsloser Fall!“ (Lehrer).

Ich glaube fest, dass gute Lehrer (und gute Lerner) besonders geduldige Menschen sind. Sie haben Vertrauen darin, dass es mit dem Lernen am Ende klappen wird, auch wenn der Weg im Moment noch weit ist. Sie wissen, dass jeder Mensch diesen Weg in seinem eigenen Tempo gehen muss. Manchmal sind auch Umwege dabei, oft kommt man vom direkten Weg ab. Aber es besteht kein Zweifel, dass es jeder Mensch in sich hat, das Ziel zu erreichen.

Und genau darin, denke ich, liegt das, was Zen für Lehrer/Trainer/Eltern moderner macht denn je: Die wichtigste Gabe, die man einem Schüler/Teilnehmer/Kind geben kann, ist das Vertrauen in die Person und in seine Fähigkeiten – und die nötige Geduld, die dabei mit Sicherheit auftretenden Frustrationen auszuhalten.

Link-Tipp: „Meine“ SchülerInnen in der Gartenbauschule Ehrental (runterscrollen bis zur „Fachschule 4“)

 


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
Mehr über Zen im Alltag gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf Facebook.

 

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