Mein Socken-System

Mein Socken-System

Wie ein Socken-Erlebnis in Kroatien zu einer kleinen Zen-Geschichte wurde.

Unlängst in Zagreb: Ich befinde mich in einem Workshop, und sitze in einem Sesselkreis. Rund um mich ein knappes Dutzend TrainerInnen aller Herren Länder. Es ist ein Train-the-Trainer-Workshop, und wir sind hier, um voneinander neue didaktische Methoden kennenzulernen.

Im Kreis der Gefühlsmonster

Vor uns, am Boden aufgelegt, liegen Karten mit  „Gefühlsmonstern“.  Wir werden aufgefordert, instinktiv die passende Karte für unsere momentane Tagesverfassung auszusuchen. Zielsicher greife ich zu einem sympathischen gelben Monsterchen. Reihum werden wir nun befragt, was uns denn zu unserer Auswahl bewogen hätte. Als ich an die Reihe komme, sage ich lapidar: „Es konnte nur diese Karte sein, denn heute ist Mittwoch, und Mittwoch ist gelb.“

Mittwoch ist gelb

Mit dieser Aussage rufe ich einige Verwunderung hervor, und ich werde gebeten, das etwas genauer zu erklären. Also beginne ich, von meinem Socken-System zu erzählen: Seit rund einem Jahr habe ich nämlich mein Socken-Tragen neu organisiert. Ich habe mir farbcodierte Socken gekauft, wobei jedem Wochentag eine bestimmte Farbe zugeordnet ist: Montag ist blau, Dienstag ist grün und Mittwoch ist eben gelb. Die Zehen und Fersen der Socken sind jeweils in der Tagesfarbe eingefärbt, und der Wochentag steht in der entsprechenden Farbe auf der Fußsole. Mit dieser Erklärung rufe ich Reaktionen zwischen erstaunter Bewunderung und blankem Entsetzen aus. Einige TeilnehmerInnen sind nicht sicher, ob ich ihnen da nicht einen Bären aufbinden will, und fordern mich auf, den Beweis zu liefern. Also ziehe ich meinen Schuh aus und präsentiere stolz meinen schwarzen Socken mit gelber Fußspitze und Ferste. Das Staunen ist groß.

Socken-FAQ

Nun beginnen die Fragen der überwiegend weiblichen Teilnehmerinnen. Wie ich denn auf diese Idee gekommen wäre? Ich sage, dass ich es leid war, jeden Morgen entscheiden zu müssen, welche Socken ich anziehen soll. Dadurch, dass jeder Tag eine Farbe hat, brauche ich nicht mehr zu überlegen. Ob ich dadurch jede Woche meine Socken waschen müsse? Nein, weil ich von jeder Farbe vier Paar Socken habe. Ich könnte also ein knappes Monat ohne Sockenwäsche auskommen und trotzdem täglich frische Socken tragen. Ob ich denn an einem Samstag auch mal Sonntag-Socken anziehen würde? Nein, weil… warum würde ich das wollen? Ob meine Frau auch dieses Socken-System hätte? Nein, aber sie mag mich trotzdem.

Andere Länder, andere Socken

Damit waren die dringendsten Socken-Fragen zunächst beantwortet, und wir konnten zum eigentlichen Seminarinhalt kommen. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass die Socken-Sache den einen oder die andere weiter beschäftigen würde. Als wir nämlich am Abend zum gemeinsamen Abendessen unterwegs waren, wurde ich von einer jungen griechischen Trainerin nochmals auf meine Socken angesprochen. Sie fände mein System zwar wirklich bewundernswert, aber für sie wäre das nichts. Sie habe nämlich überhaupt kein System beim Sockenanziehen, sondern würde in der Früh einfach die erstbesten zwei Socken nehmen, die sie gerade zu fassen bekomme. Zusammenpassen würden die Socken damit zwar nur in den seltensten Fällen, aber das wäre ihr nicht so wichtig.

Ich fand das, was sie mir erzählte, höchst interessant. Gar nicht mal so deswegen, weil ich Socken für ein spannendes Gesprächsthema halte, sondern wegen folgender Beobachtung: Ich sagte ihr nämlich, wir uns im Grunde gar nicht so unähnlich sind. Auch sie schien sich in der Früh nicht entscheiden zu wollen, welche Socken sie anziehen soll. Sie hat deswegen auch ein passendes System für sich gefunden, das ihr diese Entscheidung abnimmt. Ihr System ist zwar nicht so farbcodiert wie meines, aber ein System ist es trotzdem. Was wir tun, sieht zwar anders aus, aber im Grunde tun wir genau das Gleiche.

Und genau so sieht Zen die Welt: Die Dinge, Menschen, Situationen, … auf unserer Welt sehen vielleicht an der Oberfläche unterschiedlich aus, aber im Grunde ist sich alles viel ähnlicher und näher, als man auf den ersten Blick glauben würde.

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