Sollen – (K)ein Way of Life?

Couch Nap

Unlängst bei mir in der Wohnung. Es ist früher Nachmittag. Nachdem ich den ganzen Tag vor dem Computer gesessen bin, lege ich mich auf das Wohnzimmer-Sofa, um „kurz zu rasten“. Wie meistens, fallen mir die Augen dabei zu. Sanft drifte ich ins Land der Träume. Plötzlich durchfährt es mich wie ein Blitz: Stopp, ich kann jetzt nicht schlafen. Ich bin wieder hellwach, vom meinem schlechten Gewissen geweckt: Ich sollte doch weiterarbeiten, oder?

„Sollen“ ist wohl eines der grausamsten Wörter in der deutschen Sprache. Es drückt nämlich in sechs Buchstaben einen uralten Konflikt des Menschen aus:

  1. Das, was man gerade tut/hat/denkt… , ist eigentlich* nicht gut (genug).
  2. Das, was man gerade nicht tut/hat/denkt, aber tun/haben/denken sollte, wäre eigentlich viel besser.
  3. Das, was man tun/haben/denken sollte, WILL man eigentlich (im Moment) gar nicht tun/haben/denken. Oder, noch schlimmer: Das, was man tun/haben/denken sollte, KANN man eigentlich (im Moment) gar nicht tun/haben/denken.
  4. Wenn man das, was man tun/haben/denken sollte, aber nicht tut/hat/denkt, wird etwas Schlimmes passieren.

Sollen als Lebensstil

Der Kampf mit dem Sollen findet täglich statt: im Beruf, in unseren Beziehungen, beim Einkaufen, in Gesundheitsfragen und (häufiger, als uns lieb ist) auch in unserer Freizeit. Es ist, als gäbe es kein Entkommen: Wenn ich in der Nacht wach liege, denke ich, dass ich schlafen sollte. Wenn ich am Nachmittag am Sofa einschlafe, denke ich, dass ich wach sein sollte. Es scheint  fast so, als wäre das ganzes Leben ein einziges Sollen. Im Englischen gibt es inzwischen sogar einen eigenen Begriff für diesen Lebensstil: „Shoulding“.

Sollen im Zen

Zen kennt „Shoulding“ schon seit Jahrhunderten als Ursache allen Unglücks (wenn auch nicht unter diesem Namen). Natürlich hat man auch den Schuldigen dafür identifiziert: Die Gedanken in unserem Gehirn, unser „Affen-Geist“: Er springt unruhig von einem Ort zum anderen, lässt sich nicht beruhigen und kann nicht still sitzen. Er ist immer auf der Suche nach etwas Besserem und hat seinen Blick stets auf das gerichtet, was gerade nicht passt.

Eines der Ziele im Zen ist daher, „sollen“ gänzlich aus dem Denken zu verbannen: Man tue, was man tut, und man lasse, was man lässt. Dazwischen gibt es nichts. Sich Gedanken darüber zu machen, was sein könnte, wäre reine Zeitverschwendung und würde überhaupt nichts bringen – außer Kummer vielleicht.

Wenn ich also einen Zen-Meister bei mir in der Wohnung gehabt und ich ihn an diesem Nachmittag gefragt hätte: „Meister, was soll ich tun? Soll ich meine müden Augen rasten oder soll ich fleißig mein Tagwerk fortsetzen?“, dann hätte er wahrscheinlich geantwortet: „Wenn du schlafen willst, dann schlaf. Wenn du arbeiten willst, dann arbeite. Entscheide dich und denk nicht nach, was sein könnte. Das ist anstrengend für dich, und mir gehst du damit auf die Nerven.“

Sollen-frei leben

Wie man einen sollen-freien Zustand erreichen kann, dafür gibt es im Zen einen einfachen (wenn auch nicht leichten) Weg: Zazen – regelmäßige Meditation über viele Jahre. Das ist Voraussetzung, aber leider auch noch keine Erfolgsgarantie. Es ist nämlich ziemlich schwierig, dem „Sollen“ zu entkommen – auch wenn man die besten Absichten hat.

Wie wäre es mit einem kleinen Experiment? Versuch mal, einen Sonntag lang „sollen-frei“ zu leben: Nur tun, was dir das Gefühl gerade sagt, ohne darüber nachzudenken, was in dem Moment „besser“ wäre. Keinen Zeitplan aufstellen. Zufrieden sein mit dem, was da ist, und nicht darüber nachdenken, was gerade fehlt. Wer traut sich?

Spoiler Alert: Ein Erfahrungsbericht von Lauree Ostrofsky über einen Tag „should-free living“ (in Englisch). Zitat: „I would not call  it a success.“ 😉

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* „Eigentlich“ ist der Zwillingsbruder von „sollen“ und ähnlich schlimm. Ist dir schon mal aufgefallen, wie oft die beiden Wörter in einem Atemzug gesprochen werden?

Foto Credit: Favim


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
Mehr über Zen im Alltag gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf Facebook.
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