Die Tyrannei der Nettigkeit

Niceville

Diesmal möchte ich euch eine der größten Herausforderungen vorstellen, die ich in meiner Selbständigkeit bisher kennengelernt habe: Nett sein. Nicht, weil ich ein ungehobelter Klotz wäre, ganz im Gegenteil: Ich kämpfe mit den Tücken von „zu viel Nettigkeit“.

Manchmal dauert es bei mir ein bisschen, bis Erkenntnisse sickern. Öfter mal auch etwas länger. So geschehen unlängst beim Hören eines Podcasts mit Jordan Harbinger von „The Art Of Charme“. Er sagte darin sinngemäß, dass wir umgeben sind von Nettigkeit und wie sehr ihn das anödet: „Everybody says: ‚Please love me. Be nice.‘“

Er meinte damit insbesondere Unternehmer: So viele Unternehmer wollten nett sein, speziell im Umgang mit ihren Kunden. Niemand wolle in seinen Angeboten Ecken und Kanten haben und dadurch potenzielle Kunden verschrecken. Niemand wolle zurückgewiesen werden. Das führe zu einer „Tyrannei der Nettigkeit“: Jeder wolle jederzeit und von jedem gemocht werden – mit der Konsequenz, dass kaum noch etwas wirklich Interessantes entstehe. Weil das, was allen gefällt (oder gefallen möchte), selten spannend sei.

Es kann gar nicht genug Nettigkeit geben – oder?

Meine erste impulsive Reaktion war ja: Was für ein Unfug. Was, bitte, soll schlecht daran sein, wenn man nett ist? Das ist wieder mal typisch amerikanisch: Ein ungehobelter Cowboy will mir sagen, dass man nur mit Egoismus zum Erfolg kommt. Und dabei ist Nettigkeit wohl nur im Weg. Dabei leidet die Welt eher an zu wenig als zu viel Nettigkeit. Hau dich über die Häuser!

Doch dann begann dieser Gedanke langsam zu sickern und nachzuwirken. Ich kam drauf, dass ich Nettigkeit mit Höflichkeit verwechselt habe. Es spricht nichts dagegen, höflich zu sein. Aber Nettigkeit ist etwas anderes: Wenn wir nett sind, wollen wir anderen Menschen mit unseren Worten oder unserem Verhalten gefallen. Und damit hat Jordan Harbinger einen sehr wahren Punkt angesprochen: Wir sind oft „nett“ nicht aus Höflichkeit, sondern aus Angst vor Zurückweisung.

Der Fluch der Nettigkeit

So gesehen liegt in dieser Angst vor Zurückweisung/Ablehnung/Kritik tatsächlich ein „Fluch der Nettigkeit“, besonders (aber nicht nur!) für Selbständige. Einige Beispiele aus meiner eigenen Erfahrung, um zu verdeutlichen, was ich meine:

Aus Angst vor Ablehnung…

  • legt man sich nie richtig fest, z.B. bei der Positionierung seiner Angebote. Eine klare Positionierung würde ja bedeuten, dass man eindeutig sagen würde, dass das, was man macht, gar nicht für jeden passen SOLL. Man würde damit Menschen geradezu einladen, das Angebot zu kritisieren und wer will das schon?
  • geht man Kompromisse ein bei der Umsetzung seiner Geschäftsidee. Wer hat schon die Konsequenz, bei einem Lieferanten auch noch ein drittes, viertes oder fünftes Mal nachzuwassern, wenn man mit dem, was er abgeliefert hat, nicht zufrieden ist?
  • schreckt man davor zurück, seinen Kunden seine Meinung klar zu sagen. Man vermeidet eine mögliche kurzfristige Störung der Beziehung, auch wenn man weiß, dass sich damit längerfristig viel größere Probleme vermeiden ließen.
  • fragt man lieber gar nicht nach, wie unser Angebot bei einem Kunden angekommen ist. Man könnte eventuell ja etwas Negatives zu hören bekommen. Damit erspart man sich zwar eine mögliche Kränkung, vergibt sich aber viele Lern- und Verbesserungsmöglichkeiten.
  • sieht man nicht so genau hin, was im eigenen Business abläuft. Positiv ausgedrückt: Man konzentriert sich auf das Positive. Etwas negativer (und vielleicht realistischer) gesehen: Man verschließt den Blick vor dem, was schief läuft. Man drückt sich vor den rechtzeitigen notwendigen Konsequenzen, weil man sich damit keine Freunde macht.

Kurz gesagt: Wenn wir aus Angst vor negativem Feedback und damit aus Angst vor Zurückweisung handeln, sind wir zu brav. Wir ecken nicht an. Damit hinterlassen wir aber auch keine Spuren und werden irgendwann fad. (Das kennen viele „nette Typen“ übrigens auch aus Beziehungen. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Na gut. Das Problem ist also erkannt. Was tun?

Nun, ich könnte euch mit Allerweltsweisheiten kommen, nach dem Motto: Bleib dir selbst treu. Vertraue auf deine eigene Meinung. Steh zu deiner Vision. Lass dich nicht von deinem Weg abbringen. Wenn jemand damit nichts anfangen kann, dann ist das sein Problem, nicht deines.

Aber, ganz ehrlich: So einfach ist das nicht. So gut diese Sprüche klingen, so wenig helfen sie in der konkreten Situation. Es fühlt sich nie angenehm an, wenn man Ablehnung erfährt. Selbst, wenn man im Kopf weiß, dass die Ablehnung eines Angebots nicht auch die Ablehnung der Person bedeutet, erkennt der Bauch diesen Unterschied bei weitem nicht immer. Deshalb werden wir uns „aus dem Bauch heraus“ immer wieder dazu entscheiden, aus Angst nett zu sein.

Wahrnehmen und akzeptieren

Auch Zen bietet keine Lösung für Angst-Nettigkeit. Aber es kann helfen, einer Zen-Grundregel zu folgen: Bewusst hinsehen und akzeptieren. Du könntest bewusst wahrnehmen, wenn du wieder mal in die Nettigkeitsfalle getappt bist. Du brauchst dich nicht dafür zu geißeln, sondern nimm es hin und denk dir: „Okay, es ist wieder passiert. Nicht das erste Mal, nicht das letzte Mal. Aber kann ich vielleicht die Gründe erkennen, die mich diesmal in die Falle geführt haben?“ Vielleicht stellst du mit der Zeit ein Muster fest oder erkennst bestimmte Auslöser, auf die du dann das nächste Mal besser Acht geben kannst.

Ich habe für mich auch noch keine bessere Lösung gefunden. Dieser Blog ist ein gutes Bespiel: Mir ist klar, dass nicht jedem gefallen kann, was ich hier schreibe. Das ist ja auch völlig in Ordnung. Trotzdem freue ich mich über jedes positive Feedback – und wie. Und gleichzeitig beschäftigt mich jede noch so leise Kritik tagelang. Aber es hilft nichts: Da muss ich durch – und genau das habe ich vor. 🙂


 
Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger
Zen-Gärtner. Business Trainer. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Business Trainer und mache mir „nebenbei“ Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag annehmen kann. Mit meinen handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, Zen und meinen Spaß am Basteln zu verbinden. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
Mehr über Zen im Alltag gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf Facebook.
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