Unternehmer sein ist wie Tee trinken

Japanische Teezeremonie

In Japan gibt es eine Jahrhunderte alte Tee-Tradition. In der traditionellen Tee-Zeremonie wird mit großer Sorgfalt und Hingabe die scheinbar einfache Tätigkeit des Tee-Kochens zu einer Kunstform erhoben. In dieser aufwendigen Zeremonie wendet der Gastgeber viel Zeit und Hingabe für die Zubereitung des Tees auf, den er seinen Gästen serviert. Alles folgt einem genau festgelegten und für uns recht exotisch anmutenden Ritual.

Als wir kürzlich in Kyoto waren, haben wir an einem Workshop teilgenommen, wo uns die einzelnen Schritte der traditionellen japanischen Teezubereitung erklärt wurden. Und dabei fiel mir auf, dass Tee trinken und Unternehmer sein eigentlich genau das gleiche ist.

Lasst euch erzählen, wieso.

1. Entscheiden, dass man Tee machen will

Wer Tee machen will, fasst einen Entschluss. Motiviert von der Vorstellung, wie wunderbar die Tasse duften und schmecken wird, erfüllt von der Vorfreude, sich selbst und seinen Gästen was Gutes zu tun, macht man sich ans Werk.

Alles beginnt immer mit einer Entscheidung. Auch ein Unternehmer muss sich entscheiden – nämlich dafür bewusst anzunehmen, dass er jetzt Unternehmer/in ist. Das klingt vielleicht banal, aber mir ist aufgefallen, wie schwer dieser Schritt für viele (angehende oder verhinderte) Unternehmer ist – nämlich zu sagen: Ja, ich bin ab jetzt Unternehmer. Ja, ich nehme die Arbeit und das Risiko auf mich. Ja, ich stelle mich den Konsequenzen dieser Entscheidung. Und: Ja, ich nehme diese Entscheidung ernst und lasse mich nicht beim ersten Gegenwind davon abbringen.

Ein Weg ohne Entscheidung führt ins Nichts.

2. Den richtigen Tee auswählen

Bei der Teezeremonie liegt viel Wert darauf, den richtigen Tee auszuwählen, um ihn dann auch richtig zubereiten zu können. Wenn der Tee nicht von höchster Qualität ist, wie soll dann der fertig zubereitete Tee den höchsten Ansprüchen entsprechen?

Für den Unternehmer ist der richtige Tee die richtige Geschäftsidee. Er fragt sich: Welchen Tee (= welches Produkt, welche Dienstleistung) will ich eigentlich zubereiten? Kräutertee? Grünen Tee? Eistee? Was kann ich eigentlich am besten? Und vor allem: Welcher Tee wird meinen Gästen (= Kunden) am besten schmecken?

Für viele Unternehmer ist das die wichtigste Frage, und zweifellos hängt viel von der Geschäftsidee ab. Aber in der japanischen Teezeremonie ist das nur ein Schritt von vielen. Und auch ein Unternehmer hat mit einer guten Geschäftsidee noch nichts gewonnen.

3. Das richtige Zubehör wählen

In der japanischen Teezeremonie gibt es für jeden einzelnen Schritt das richtige Werkzeug: Spezielle Löffel, spezielle Tässchen, spezielle Schälchen. Alles, was benötigt wird ist, ist bereitgelegt: Sorgfältig gereinigt befindet sich alles am richtigen Platz.

Auch ein Unternehmer braucht das passende Werkzeug. Der Unterschied ist nur, dass für ihn in der Regel das Passende noch nicht gebrauchsfertig bereitliegt. Er arbeitet mit dem, was er hat – auch wenn es nicht perfekt ist. So ist das Büro zum Beispiel nicht ideal eingerichtet. Kein Wunder, dient es ja auch nach Arbeitsschluss wieder als Wohnzimmer. Der Unternehmer wird zum Meister der Improvisation. Dabei täte es ihm gut, von Zeit zu Zeit zu hinterfragen, ob die Kompromisse, an die er sich gewöhnt hat, noch sinnvoll und notwendig sind.

4. Wasser einfüllen und zum Kochen bringen

Natürlich kommt es beim Wasser auf die richtige Menge und die richtige Temperatur an. All das ist in der Teezeremonie genau festgelegt. Zu heißes Wasser würde den Tee bitter werden lassen und die Teeblätter verbrennen. Wäre es zu kalt, könnte sich der Teegeschmack nicht richtig entfalten. Außerdem muss natürlich die Menge Wasser auf die Menge Tee und die Zahl der Gäste abgestimmt werden.

Der Unternehmer verwendet ebenfalls viel Energie darauf, „das Wasser zum Kochen zu bringen“. Er entwickelt Produkte, überlegt sich Marketingkonzepte, entwirft Businesspläne. Er weiß, dass er erst Energie (Zeit, Geld, Ideen, …) zuführen muss, um seine Geschäftsidee zu einem erfolgsversprechenden Produkt zu machen.

Leider hat ein Unternehmer aber bestenfalls eine ungefähre Ahnung davon, wann sein Wasser heiß genug ist. Natürlich will er nicht, dass das Wasser zu kalt ist, sprich, dass er mit einer unausgegorenen Idee auf den Markt geht. Andererseits kann es passieren, dass das Wasser längst kocht, aber der Unternehmer immer noch plant und konzipiert. Im schlimmsten Fall verdampft ihm dann das Wasser komplett, und damit auch seine Zeit, seine Energie und seine Motivation.

5. Wasser und Tee zusammenbringen

In Japan lässt man den Tee nicht ziehen, sondern man verrührt ihn. Matcha, der traditionelle japanische Tee, besteht nämlich aus pulverisierten Teeblättern, die in das dampfende Wasser gerührt werden. Dies geschieht mit einem speziellen Holzquirl, und auch für die Art und Weise, wie gerührt wird, gibt es sehr genaue Anweisungen.

Auch für den Unternehmer kommt irgendwann der Moment, wo er alle Zutaten zusammenmischen muss: Seine Geschäftsidee, sein Angebot, seine Persönlichkeit, seinen Business Plan, seine Werte, seine Vision – alles muss ein stimmiges Ganzes ergeben.

Aber auch dafür hat er keine genaue Anleitung: Er weiß nicht, wie lange er seinen Tee ziehen lassen muss, damit damit er nicht bitter wird und dennoch genug Gehalt hat. Nur selten gelingt die richtige Mischung schon beim ersten Mal. Da ist viel Versuch und Irrtum dabei, viel Zurück-an-den-Start, auch viel Frust.

6. Tee ausschenken

Bei der japanischen Teezeremonie steht der Gast im Mittelpunkt. Wer Tee zubereitet, tut das nicht für sich, sondern für seine Gäste. Der Gast soll den Tee genießen können und sich wohl fühlen.

Auch der Unternehmer betreibt sein Unternehmen nicht für sich, sondern mit dem Bestreben, Kunden für sein Angebot zu finden. Der Moment, in dem der Unternehmer seinen Tee ausschenkt (also sein Angebot der Welt präsentiert), ist von großer Ungewissheit geprägt: Wo finde ich die Menschen, die meinen Tee interessant finden? Wem wird er schmecken? Wird er überhaupt jemandem schmecken?

Der Unternehmer hofft auf Gäste (= Kunden), die seinen Tee loben und mehr davon wollen. Er könnte aber auch auf Gäste treffen, denen sein Tee nicht schmeckt oder sich überhaupt weigern, seinen Tee zu kosten. Gerade diese Gäste (= Kunden) beschäftigen ihn dann lang und intensiv: Woran liegt es, dass ihnen mein Tee nicht schmeckt? Bedeutet das, dass mein Tee schlecht zubereitet ist? Oder heißt es vielleicht überhaupt, dass ich gar kein guter Teemacher bin?

7. Tee trinken

Der eigentliche Höhepunkt der Teezeremonie ist der Moment, in dem die Gäste den Tee trinken und genießen. Der Gastgeber nimmt sich in dabei völlig zurück und lässt seine Gäste den Geschmack in Stille genießen.

Auch für den Unternehmer ist der Moment, in dem ein Kunde sein Angebot nutzt, der Höhepunkt, die Belohnung seiner harten Arbeit. Es macht ihm Freude zu sehen, wenn der Kunde durch seine Hilfe ein Problem lösen konnte oder Spaß mit dem Produkt hat.

8. Nachschenken

Haben die Gäste ihren Tee getrunken, bedanken sie sich beim Gastgeber und geben ihm ihre Trinkschale zurück. Die Zeremonie findet so ihren Abschluss.

Für einen Unternehmer ist das ein bisschen anders: So sehr er den Moment genossen hat, in dem ein Kunde sein Angebot genützt hat… jetzt beginnt alles wieder von vorne. Neuer Tee muss angesetzt werden, neue Kunden wollen gefunden werden.

Mit der Zeit kehrt etwas Routine ein, und es ist nicht mehr alles so aufwendig wie am Anfang. Einige Kunden kommen von selbst wieder. Aber auf seinen Lorbeeren ausruhen kann sich der Unternehmer nur selten.

9. Das Tun genießen

In der japanischen Teezeremonie geht es natürlich darum, Tee für seine Gäste zuzubereiten – aber das ist nicht alles. Genauso sehr geht es darum, eine sehr einfache Handlung mit großer Hingabe und Sorgfalt auszuführen – um der Handlung selbst Willen. Es geht nicht nur um das, WAS getan wird, sondern besonders um das WIE des Tuns. Der Prozess der Teezubereitung ist wichtig, der fertige Tee ist gleichsam ein angenehmer Nebeneffekt.

Die Hingabe, mit der jeder einzelne Schritt ausgeführt wird, fand ich besonders inspirierend für mein eigenes Unternehmer-Sein. Bei der Teezeremonie gibt es keine Abkürzungen, kein „das passt schon irgendwie“. WENN man Gäste zu sich einlädt und WENN man Tee ausschenken möchte (oder analog: WENN man sich entscheidet, Unternehmer zu sein), dann bedeutet das auch, dass man die notwendigen Schritte der Reihe nach ausführen muss. Einer nach dem anderen, jeder mit der nötigen Aufmerksamkeit und Konsequenz. Jeder Schritt hat seinen Anteil am Ganzen. Es gibt keine unnötigen Handlungen, jeder Schritt ist wichtig. Der Lohn der Mühen kommt erst am Ende, aber er wird kommen, wenn man konsequent bleibt und keine Abkürzungen sucht.

Einfach einen Schritt nach dem anderen setzen.

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