Mein Verdauungsversuch

Frühstücksbuffet

Diesmal geht es um die Verdauung – aber um eine ganz spezielle Form davon: Geistiges Verdauen.

Wer sich nun darauf gefreut hätte, etwas über den Verdauungstrakt des Körpers zu erfahren, muss nicht traurig sein: Es gibt einen sehr informativen Blog-Beitrag von Barbara Reiniger zum „körperlichen Verdauen“, auf den ich gerne verweise (zum Blog von Barbara).

Hier geht es aber um das „geistige Verdauen“. Der konkrete Anlass, darüber zu schreiben, stammt daher, dass ich am Wochenende wieder in Wagrain war, um an den diesjährigen „Zeitgesprächen“ des „Vereins zur Verzögerung der Zeit“ teilzunehmen. Wie das dort so ist, habe ich ja schon mal beschrieben (Beitrag zum Nachlesen). Auch heuer waren wieder viele inspirierende Gedanken, Begegnungen, Gespräche und Ideen dabei, die bestimmt auf die eine oder andere Art den Weg in diesen Blog finden werden.

Geistige Fress-Sucht

Der eigentliche Grund, über das geistige Verdauen zu bloggen, kommt aber aus einer Erkenntnis, die mich vor ein paar Wochen ziemlich erschüttert hat: Ich bin ein Informations-Junkie. Ich bin wahnsinnig neu-gierig (also gierig nach Neuem) und gleichsam süchtig nach interessanten Büchern, Vorträgen, Seminaren, Ideen.

Ihr müsst euch das so vorstellen: In der Zeit, in der ich ein Buch lese, habe ich mir schon vier weitere vorbereitet, die ich als nächstes lesen will und acht neue auf meine „Zu kaufen“-Liste gesetzt.

Verdauungs-Probleme

Na gut, kann man jetzt sagen, wo ist das Problem? Du liest halt gerne. Soll nichts Schlimmeres passieren.

Eh. So weit ist das Ganze wahrscheinlich ziemlich harmlos. Aber Folgendes kommt hinzu: Die allermeisten Bücher, die ich lese, sind Sachbücher. Da sind auch viele Bücher dabei, in denen ich tolle Anregungen z.B. für mein Unternehmen finde.

Nun passiert bei mir Folgendes: Ich lese ein Buch, bin begeistert von den Ideen, die ich daraus bekomme und mache mir allerlei Notizen, was ich alles umsetzen/verändern/ausprobieren oder worüber ich intensiver nachdenken will. Aber kaum bin ich mit dem Buch fertig, nehme ich das nächste Buch her – und das Spiel beginnt von vorne. Auch das neue Buch liefert mir viele Ideen und Notizen. Aber ich nehme mir auch bei ihm nicht die Zeit, tatsächlich etwas von dem zu tun, was ich mir vorgenommen habe. Lieber beginne ich mit einem neuen Buch.

Das heißt, ich esse und esse und esse, aber ich verdaue kaum etwas von dem, das ich in mich reinstopfe.

Am Frühstücksbuffet des Wissens

Es ist kein Zufall, dass mir dieses „Verdauungsproblem“ im Sporthotel in Wagrain so bewusst geworden ist. Das Sporthotel ist nämlich wie das Schlaraffenland. Ihr müsst euch nämlich vorstellen: In den Morgen startet man mit einem riesigen Frühstücksbuffet, an dem nichts fehlt. Gegen 11:00 gibt es eine Vormittagsjause, Brötchen, Mehlspeisen, Obst. Um 12:30 dann Mittagsbuffet mit einem Vorspeisenangebot, das allein schon locker satt macht, fünferlei köstliche Hauptspeisen, allerhand Beilagen und Salate sowie ein verführerisches Nachspeisenbuffet. Gegen 15:00 eine Nachmittagsjause gegen den kleinen Hunger zwischendurch und um 18:30 schließlich ein viergängiges Abendessen – wieder mit Vorspeisen- und Nachspeisenbuffet. Und das jeden Tag. Je-den Tag.

Ich habe mich, wie könnte es anders sein, vollkommen überessen.

Ich höre schon den einen oder die andere sagen: Selber schuld, wenn du so viel isst. Hättest ja nicht müssen. Aber da war sie wieder, meine Neu-Gier: Es gab so viel Neues zu probieren, und da wurde ich ein bisschen gierig. Es war wie ein Zwang, gegen den ich mich anscheinend nicht wehren kann.

Und so geht es mir auch mit dem Wissen.

Mehr geistiges Verdauen

Es war immerhin etwas tröstlich zu sehen, dass auch andere Symposion-Teilnehmer mit diesem Luxus-Problem zu kämpfen hatten. Schließlich galt es nicht nur das Essen, sondern auch die interessanten Beiträge und Referate zu verdauen. Besonders deutlich kam das Thema bei einem Beitrag von Mark Riklin zum Ausdruck, in dem er einen „Verdauungsversuch“ des ersten Symposion-Tages unternommen hatte.

Aus diesem Beitrag – und von der Diskussion darüber bei der Heimfahrt mit Harald und Silke – habe ich folgende Gedanken und Anregungen zum geistigen Verdauen mitgenommen, die ich gerne mit euch teilen möchte:

  • Verdauung ist etwas ganz Wichtiges. Es nützt nichts, Unmengen an Daten zu verschlingen. Entscheidend ist alleine die Verdauung, das Einverleiben des Aufgenommenen.
  • Pausen werden unterschätzt. Was ist, wenn ich das Verhältnis von Input und Pausen umdrehen würde? Und was wäre, wenn ich diese Pausen „gut nutzen“ würde, zB zum Nachdenken, wo nachdenken angesagt ist oder zum Handeln, wo es Handlungen bedarf.
  • Es muss nicht alles sofort „umgesetzt“ werden. Manches darf auch mal eine Zeit lang liegen bleiben, bis die richtige Zeit dafür gekommen ist. Nicht jede gute Idee überlebt die erste Begeisterung, die sie in mir auslöst.
  • Am wichtigsten ist das Loslassen. Ideen – und wenn sie auch noch so gut sind -, die derzeit für mich nicht „passen“, sind keine guten Ideen – zumindest im Moment nicht. Es nützt nichts, sie auf Vorrat („im Hinterkopf“) zu behalten. Das macht mich nicht gescheiter, sondern nur behäbiger.

Meine Verdauungs-Kur

Ich habe mir schließlich beim Symposion fest vorgenommen, etwas für meine geistige Verdauung zu tun. Ich will alle meine „unverdauten“ Notizzettel von Büchern, Kursen, Seminaren, Podcasts und Gesprächen (es sind derzeit 24 größere und kleinere Themen, die unverdaut sind) hernehmen und einen nach dem anderen verdauen. Soll heißen:

  • Umsetzen dessen, was mir JETZT hilft.
  • Oder: Mir Zeit zum Nachdenken einplanen (am Kalender!), wenn ich über etwas noch nachdenken will.
  • Oder: Interessante Gedanken zu einem interessanten Blog-Beitrag verarbeiten.
  • Oder: Ideen in Evernote speichern und mit den passenden Schlagwörtern versehen, sodass ich sie wieder finde, wenn ihre Zeit gekommen ist.
  • Oder: Mich bei einer Idee bedanken und sie dann weiterziehen lassen, auf dass sie jemanden findet, für den sie jetzt gerade passt wie die Faust auf’s Auge.

Wie geht es euch mit dem geistigen Verdauen? Kennt ihr das auch? Oder habt ihr Mittel und Wege gefunden, dass es erst gar nicht so weit kommt?

Ich freue mich auf eure Anregungen auf Facebook.



Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger

Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
Mehr über Zen im Alltag und im Business gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf unserer Facebook-Seite.
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