Versteckte Liebesbriefe

Mit Ärger umgehen

Unlängst habe ich ein e-Mail bekommen, über das ich mich ziemlich geärgert habe. Es hat eine Weile gedauert, bis ich drauf gekommen bin, dass es in Wirklichkeit ein versteckter Liebesbrief war.

Folgendes ist passiert: Ich habe von jemandem, mit dem ich öfter mal beruflich zu tun habe, ein e-Mail bekommen. Es ging darin um ein berufliches Projekt, und er hat einige Dinge kritisch angemerkt, die aus seiner Sicht nicht optimal laufen. Nicht irgendwie ungut oder so, einfach sachlich aber doch sehr kritisch.

Dieses Mail hat mich mächtig auf die Palme gebracht. Ich fühlte mich  durch seine Kritik persönlich angegriffen, als gäbe er mir die Schuld für alles. So, als wäre die Nachricht ein Angriff auf meine Kompetenz und mein Urteilsvermögen.

Ich muss zugeben: Ich mag es insgesamt nicht so gerne, wenn man mich auf Fehler von mir hinweist. Wahrscheinlich hat das niemand gern, aber ich habe das Gefühl, ich tu mir damit besonders schwer. Ich habe über die Jahre gelernt, etwas entspannter zu werden, aber diese Nachricht hat einen Nerv in mir getroffen.

Ich habe die Nachricht sofort ins e-Mail-Archiv verschoben. Aus den Augen, aus dem Sinn, habe ich mir gedacht. Doch ich habe mich den restlichen Tag weiter geärgert. „Der hat ja keine Ahnung!“, habe ich mir gedacht – und damit etwas gemacht, was wohl typisch menschlich ist: Den Überbringer unangenehmer Neuigkeiten abzuwerten, damit sie weniger weh tun.

Aber wie es halt so ist… Ärger verraucht. Und manchmal bekommt man sogar die Gelegenheit geschenkt, aus einem Unglück einen Segen zu machen. So geschehen an diesem Abend: Zu nächtlicher Stunde bin ich mit meinem Baby im Arm durch die Wohnung spaziert in der Hoffnung, er möge rasch einschlafen. Als sein Gesicht immer entspannter wurde und seine Augen zufielen, dachte ich bei mir: „Jössas, ist der entspannt! Warum ist er so mit sich im Reinen, während ich mich so aufregen kann wegen eines lächerlichen e-Mails?“

Und dann war ich ein bisschen mutig. Ich habe mich  tatsächlich getraut, in mich hinein zu horchen und mich zu fragen: „Mal ehrlich, Günter… Was ist denn eigentlich dein Problem mit dem e-Mail? Was stört dich denn wirklich daran?“ Und beim meditativen Gehen durch die Wohnung bin ich tatsächlich auf etwas Interessantes draufgekommen:

Der Absender hatte vollkommen Recht mit dem, was er kritisierte. Das Problem war, dass ich wusste, dass er Recht hatte. Denn wenn ich ganz ehrlich mit mir war, so musste ich zugeben, dass mir das Problem im Hinterkopf schon längst bewusst war. Nur habe ich anscheinend gehofft, dass, wenn ich nicht so genau hinschaue, er es auch nicht sieht. Er hat mir im Grunde also nur das vor Augen geführt, was ich selbst nicht sehen wollte.

Als ich mit meinem Sohn im Arm durch die nächtliche Wohnung gewackelt bin, ist mir also klar geworden, dass diese vermeintlich unverfrorene Nachricht in Wirklichkeit ein versteckter Liebesbrief war. Der Absender hat mir genau das gezeigt, was ich selbst nicht sehen konnte oder wollte. Mein Ärger galt also weniger der Sache als dem Umstand, dass ich nicht länger wegsehen konnte. Mich zum Hinsehen zu zwingen, dafür gebührt dem Absender eigentlich mein Dank, nicht mein Groll.

Seit dieser Einsicht bemühe ich mich, besser zuzuhören, wenn ich unangenehme Dinge zu hören oder zu lesen bekomme. Ich versuche, mein Ego für eine Weile hintan zu stellen und wirklich zu hören, was mir da jemand sagen will. Ich versuche zu erkennen, welches Geschenk für mich dabei sein könnte, was mir jemand über mich erkennen lassen möchte. In den Fällen, wo es mir gelingt, empfinde ich das als sehr entspannend.

Und in den Fällen, wo es mir nicht gelingt, habe ich ja immer noch unseren Kleinen, den ich durch die Wohnung tragen kann.

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