Ich hab voll Angst!

Angst

Angst scheint ein verlässlicher Begleiter in unserem Leben zu sein. Drei Episoden aus der letzten Woche sind dafür zwar kein Beweis, aber interessant ist es trotzdem.

Angst in der Schnellbahn

Gestern sitze ich in der Früh in der Schnellbahn nach Hütteldorf. Neben mir vier junge Mädels, die offensichtlich auf dem Weg in die Schule sind. Entgegen meiner üblichen Gewohnheit habe ich diesmal keinen iPod mit, und so höre ich, wie eines der Mädchen plötzlich sagt: „Leute, ich hab voll Angst!“

Aus dem weiteren Gespräch kann ich schließen, dass sie offensichtlich in der ersten Stunde einen Test haben. Alle vier sind in unterschiedlichen Graden nervös. Auch jene, die äußerlich cool wirken, geben zu, dass ihnen die erste Stunde alles andere als egal ist. Sie sagen Sätze wie: „Ich hab eh gelernt, aber…“ oder „Ich streng mich eh ur an, aber…“. Ich atme tief aus und denke mir: Bin ich froh, dass ich nicht mehr in der Schule bin.

Angst vor der Prüfung

Dabei bin ich in diesem Moment gerade selbst auf dem Weg zu einer Prüfung. Glücklicherweise allerdings nur als Prüfungsaufsicht. Ich denke an die vielen Prüfungen, die ich schon beaufsichtigt habe. Wie erwachsene Menschen mit blassem Gesicht vor mir gesessen sind. Wie gestandene Männer ihre Nerven weggeschmissen haben. Wie sie Dinge, die sie eine Viertelstunde vor der Prüfung noch tadellos gewusst haben, in der Prüfung nicht mehr zu Papier bringen konnten. Kein einziger von ihnen hat gesagt, dass er Angst hat. Aber das war gar nicht notwendig. Sie stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Angst vor der falschen Entscheidung

Vorigen Mittwoch sitze ich mit einen Freund zusammen, der an einer Fachhochschule unterrichtet. Er erzählt mir, unter wie viel Druck seine StudentInnen stehen. Und das nicht deshalb, weil er so streng ist, sondern weil sie sich diesen Druck selbst auferlegen. Sie setzen sich unter einen enormen Leistungsdruck, weil sie Angst haben, nach der FH keinen guten Job zu finden. Sie haben Versagensängste. Sie haben Angst davor, die falschen Entscheidungen zu treffen: Wo soll ich am besten mein Praktikum machen, damit es möglichst gut in meinem Lebenslauf aussieht? Soll ich lieber jetzt oder im nächsten Semester ein Auslandssemester machen? Oder lieber gar nicht? Oder besser zwei? Welche Vertiefung soll ich wählen? Was ist, wenn ich mich falsch entscheide?

Angst ist ein schlechter Lehrmeister

Vielleicht ist es ja jemandem aufgefallen: Alle drei Beispiele kommen aus dem Bereich der Bildung. Und das ist leider kein Zufall. Es scheint so, dass Lernen und Angst meistens Hand in Hand gehen. Für uns ist das oft schon so normal, dass wir es gar nicht mehr infrage stellen. Dabei belegen dutzende Studien, dass Lernen in einem Umfeld, in dem Angst herrscht, viel, viel schwerer ist. Damit Kreativität entstehen kann, braucht es Vertrauen und Sicherheit – also das Gegenteil von Angst. Und dennoch ist die Angst im Bildungsbereich allgegenwärtig.

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Andererseits ist Angst einer der stärksten Motivatoren überhaupt. Deshalb wird sie ja auch so gerne eingesetzt, von Lehrern und von Eltern. Angst bringt Menschen dazu, etwas zu tun. Oder etwas nicht zu tun. Dazu, etwas zu sagen und dazu, über etwas zu schweigen. Ganze Branchen verdienen ihr Geld mit der Angst ihrer Kunden: Versicherungen, Privatschulen, Alarmanlagenbauer, Kinderwagenhersteller. Wir kaufen Bio-Lebensmittel, weil wir Angst haben, unserem Körper sonst zu schaden. Wir bleiben als Fußgänger bei der roten Ampel stehen, auch wenn kein Auto kommt, weil wir Angst haben, dass uns ein Polizist sonst erwischt.

Die schlimmste Angst von allen ist aber meiner Meinung nach die Angst vor dem Unbekannten. Wenn wir die Umsetzung einer Entscheidung, die wir innerlich längst getroffen haben, immer weiter hinauszögern. Wenn wir die Trennung, von der wir wissen, dass sie uns eigentlich gut täte, nicht vollziehen. Wenn wir in einem Job bleiben, von dem wir wissen, dass er uns innerlich krank macht. Wir handeln nach dem Motto: Wer weiß, was nachkommt. Wer weiß, wen wir damit enttäuschen. Wer weiß, ob ich diesen Schritt nicht mein Leben lang bereuen werde.

Im Englischen gibt es ein Sprichwort: Better the devil you know. Das geringere Übel ist jenes, das du kennst. Dem halte ich heute etwas dagegen, das ich von Jamie Foxx gehört habe: What’s on the other side of fear? Nothing! Was ist auf der anderen Seite der Angst? Nichts!

Als kleinen Mutmacher für alle, die heute Angst haben. Und ein bisschen auch für mich selbst.

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