Die Einladung

Eine moderne Weihnachtsgeschichte

Passend zum Advent: Eine moderne, wahre Weihnachtsgeschichte.

An einem Dezembertage des Jahres des Herrn 2015 begab es sich, dass mein lieber Blogger-Kollege Martin Schmidt und ich uns zu einem Spaziergang zum Zwecke des Gedankenaustausches trafen. Unser Weg führte durch die Wiener Innenstadt, und alsbald bekamen wir beide Gusto auf einen heißen Tee. Zu diesem Behufe hielten wir Ausschau nach einem Weihnachtsmarkt, wo derartiges Getränk feilgeboten wurde. Die Zahl der Weihnachtsmärkte zu dieser Jahreszeit ist in der Bundeshauptstadt ja Legion, und alsbald wurden wir auf der Freyung fündig. Wir erblickten einen Marktstand, an dem Tees der kuriosesten Arten ausgeschenkt wurden. Glücklich, das Ziel unserer Begehr gefunden zu haben, machten wir Halt und hielten Einkehr.

Einem gemeinsamen Treffen einige Wochen zuvor war es geschuldet, dass ich mich berufen fühlte, meinen Weggefährten zu seinem Heißgetränk einzuladen. Martin hatte damals nämlich, in seiner Großmut, des Wirten Rechnung für meinen Earl Grey beglichen, an dem ich mich damals gütlich getan hatte. Nun war es also an meiner Reihe, für den Obulus der Getränke aufzukommen.

Mit frischem Sinne reichte ich also dem Marketender meine Münzen, woraufhin er im Gegenzug mir zwei Tassen dampfenden Tees aushändigte. Martin hatte in der Zwischenzeit einen Unterstand erspäht, zu der er mich heranwinkte. Ich reichte ihm sein Häferl, und wir setzten angeregt unsere Unterhaltung fort.

Als schließlich die Zeit gekommen war, den Weg fortzusetzen und vom Markte Abschied zu nehmen, nahm ich unsere leeren Tassen und reichte sie dem Marketender, auf dass er mir mein Pfand rückvergüte. Prompt reichte mir dieser eine Handvoll Münzen, doch beim Rückwege zu meinem Kameraden durchzuckte es mich wie ein Blitz: Ei pardautz, der gute Mann am Marktstand hatte mir zu viel ausgehändigt! Die gleiche Anzahl Münzen, die ich ihm für unser beider Tees gereicht hatte, hielt ich nun in meiner Hand.

Der geneigte Leser sei nicht zu streng mit mir, wenn ich nun eingestehe, dass ich den Marketender auf seine höchst unwirtschaftliche Handlungsweise nicht angesprochen habe. Zu aufgewühlt war mein Inneres. Meinem treuen Kumpanen Martin erzählte ich jedoch davon. Er lauschte aufmerksam, und schließlich nahm ich auch den Mut zusammen, ihm ihm die Frage zu stellen, die mich quälte, seitdem mir des Marketenders Missgeschick gedämmert war: Ist eine Einladung noch eine Einladung, wenn der Einladende gar nichts dafür bezahlt hat?

Martin und ich betrachteten diese Frage, welche mit Fug und Recht eine philosophische geheißen werden kann, aus allen Richtungen. Es war uns aber keine eindeutige Antwort gegönnt.

Und du, geneigter Leser, wie hältst du’s mit dieser Frage? War es mir gelungen, meine Schuld zu begleichen, obwohl die Münzen in meinem Beutel keinen Verlust litten?



Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger

Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
Mehr über Zen im Alltag und im Business gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf unserer Facebook-Seite.

 

 

 

 

 

 

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