Weniger, aber besser

Weniger, aber besser

Ich bin gerade auf meiner halbjährlichen Strategie-Klausur, diesmal in Neusiedl am See.

Es scheint mir, als beginne jede meiner Strategie-Klausuren mit einem Déjà-vu: Ich stelle (immer wieder auf’s Neue, immer wieder erstaunt) fest, dass ich mit meinem sprichwörtlichen Allerwertesten mal wieder auf viel zu vleien Kirtagen tanze.

Daher ist auch dieses Mal – wie jedes Mal – eine meiner wichtigsten Punkte der Strategie-Klausur zu versuchen, alles Unwichtige, Irrelevante, Unnötige, Ablenkende oder Eigenartige zu entfernen – aus meinem Unternehmen, aber auch aus meinem Leben ganz allgemein. Damit nur mehr Weniges übrig bleibt, um das ich mich dann aber umso besser kümmern kann.

Zur Einstimmung und Vorbereitung auf diese Knochenarbeit habe ich zwei Übungen aus dem Buch „Essentialism“ von Greg McKeown gefunden, die ich heute gerne mit euch teilen will.

Übung 1: Elegant „Nein!“ sagen

Das Ausmustern von Unnötigen beginnt ja schon damit, zu manchem gar nicht erst „Ja!“ zu sagen. Obwohl wir wissen, wie wichtig ein höfliches, aber bestimmtes „Nein!“ für unser Wohlbefinden wäre, tun wir uns damit aber oft sehr, sehr schwer.

Greg McKeown schlägt folgende Übung vor, um sich an’s „Nein!“-Sagen langsam zu gewöhnen: Schreib so viele höfliche Formulierungen für „Nein!“ auf wie möglich. Ein paar Beispiele, die mir eingefallen sind:

  • „Es ist total lieb von dir, dass du an mich gedacht hast, aber ich habe derzeit nicht die Kapazität…“
  • „Vielen Dank für deinen Vorschlag, aber ich konzentriere mich derzeit auf andere Projekte.“
  • „Du kannst dir gerne mein Auto ausborgen. Du kannst die Schlüssel jederzeit bei mir abholen.“ Damit sagst du gleichzeitig auch: „Nein, ich fahre dich nicht ins Einkaufszentrum.“
  • „Bei mir passt das gerade nicht, aber ich kenne jemanden, für den das vielleicht interessant wäre.“
  • „Ich arbeite gerade an einem anderen Projekt, das im Jänner fertig sein sollte. Ich würde mich freuen, wenn wir uns dann nochmals über deine Idee unterhalten könnten.“
  • „Danke für deinen Vorschlag. Ich werde in meinen Terminkalender nachsehen und mich dann wieder bei dir melden.“ Das gibt dir zumindest die Gelegenheit, etwas genauer nachzudenken und dir ein höfliches „Nein!“ zu überlegen.
  • Oder ganz einfach: Sag ein paar Sekunden lang gar nichts. Diese Stille mag sich für dich vielleicht ein bisschen unangenehm anfühlen, aber oft reicht das schon aus, damit dein Gegenüber seinen Wunsch zurückzieht oder zumindest umformuliert.

Wähle dir dann aus dieser Liste jene „Nein!“-Formulierungen aus, mit denen du dich am wohlsten fühlst. Und dann probier es einfach aus. „Nein!“ sagen lernen ist nämlich, so wie vieles im Leben, ein Prozess. Übung macht den Meister.

Übung 2: Zero-based Budgeting

Wir Menschen trennen uns besonders schwer von Dingen/Projekten/Menschen, in die wir schon viel investiert haben.

Greg McKeown schlägt deshalb vor, für jedes Projekt „zero based budgeting“ zu machen. Das ist ein Begriff aus der Betriebswirtschaft, der im Grunde Folgendes meint: Beurteile jedes Projekt so, als stünde es bei null – also völlig unabhängig davon, wie viel du bisher schon investiert hast.

Die Übung hat drei Schritte, und die gehen so:

  1. Schreib auf einem Blatt Papier alle Projekte auf, die gerade in deinem Leben laufen: Große und kleine, gerade begonnene und fast fertige. Einfach alles, was dir einfällt.
  2. Jetzt schau dir diese Projekte eines nach dem anderen an und stell dir folgende Fragen:
    • Unabhängig davon, wie viel Zeit/Geld/Mühe du bisher darin investiert hast: Wie viel Zeit/Geld/Mühe würdest du diesem Projekt heute zuteilen?
    • Wenn du dieses Projekt ganz von vorne starten müsstest: Wie viel Zeit/Geld/Mühe würdest du ihm heute zuteilen?
    • Würde ich dieses Projekt heute überhaupt noch beginnen?
  3. Behalte nur jene Projekte auf der Liste, denen du auch noch Zeit/Geld/Mühe zuteilen würdest, wenn du ganz von vorne beginnen müsstest. Und streiche konsequent jene Projekte, die du heute nicht mehr anfangen würdest – völlig unabhängig davon, wie viel Zeit/Geld/Mühe du in ihnen bisher versenkt hast.

Ich sage es ehrlich: Diese Übung ist brutal. Simmering gegen Kapfenberg, quasi. Sich ehrlich einzugestehen, etwas aufzugeben, in das man schon sehr viel investiert hat – das erfordert Ehrlichkeit mit sich selbst und viel Courage. Unter Umständen ist man auch genötigt, sich Anderen gegenüber für diese Entscheidung zu rechtfertigen. Aber diese Entscheidung ist auch unglaublich befreiend und schafft die nötigen Ressourcen für jene Projekte, für die heute wirklich dein Herz brennt.

Das Ausprobieren dieser beiden Übungen ist ausdrücklich erwünscht und empfohlen. Vielleicht tanzt ja dein Allerwertester auch auf mehr als einem Kirtag und würde sich etwas „weniger, aber besser“ wünschen?



Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger

Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
Mehr über Zen im Alltag und im Business gibt es auch im Mein-Zengarten-Newsletter oder auf unserer Facebook-Seite.
Share this post