Er ist wieder da – mit Zen

Er ist wieder da

Wieder mal ein ungewöhnlicher Ort, um Zen zu finden: Timur Vermes’ Buch „Er ist wieder da“.

Neues – mit Verspätung

Ich bin ja im Grunde ein sehr neugieriger Mensch. Mich interessieren zum Beispiel Bücher, über die man gerade spricht. Ich bin neugierig, ob sie tatsächlich so gut/aufregend/spannend/lustig sind, wie alle sagen. Gleichzeitig ich bin aber auch ein bisschen eigenartig in der Hinsicht, dass ich sehr kritisch allem gegenüber bin, was derzeit gerade angesagt ist. Vom „Neuesten“ halte ich quasi Respektabstand.

Das ergibt in der Summe, dass ich angesagte Bücher mit großem Interesse lese – aber erst dann, wenn sie nicht mehr angesagt sind. „Feuchtgebiete“ (wer sich daran noch erinnert) habe ich absichtlich erst drei Jahre nach dem Erscheinen gelesen. Den ersten Harry Potter erst, als bereits der vierte Teil käuflich zu erwerben war. Mit „50 Shades of Grey“ warte ich noch zu, da ist mir noch zu viel Wirbel drum. 😉

Und so darf es nicht überraschen, dass ich „Er ist wieder da“ erst in den vergangenen Weihnachtsferien gelesen habe. Mit der obligatorischen Verzögerung also, zumal das Buch bereits 2012 erschienen ist und 2015 ja schon der entsprechende Film in den Kinos war.

Wer nicht weiß, worum es in dem Buch/Film geht, es ist schnell erzählt: Adolf Hitler wacht plötzlich in der Jetzt-Zeit auf und wird zum Medienstar. Das Ganze ist als Komödie angelegt.

Lachen über Hitler?

Nun ist es ganz grundsätzlich legitim zu fragen, ob man über Hitler überhaupt lachen darf. Das ist, finde ich, eine sehr interessante Frage. Wie weit darf Satire gehen? Ist alles lustig, wenn es lustig daherkommt? Ich habe darauf für mich selbst keine endgültige Antwort gefunden und werde sie in diesem Blog nicht suchen. (Ein paar lesenswerte Anregungen dazu hat die Rheinische Post in einen Artikel gepackt).

Drei Zen-Gedanken

Ich möchte statt dessen drei Gedanken aufgreifen, die in dem Buch gefunden habe und wo ich mir gedacht habe: „Da schau her, das ist ja fast schon Zen, damit hätte ich jetzt nicht gerechnet!“

1. „Es ist die alte deutsche Krankheit, den Fehler stets in kleinlichen Details zu suchen, die großen und klaren Zusammenhänge jedoch schlicht zu ignorieren.“ (S. 110-111)

Diesen Spruch legt der Autor Hitler in den Mund, und spricht damit etwas an, was nicht nur Deutsche betrifft: Es ist ziemlich leicht, sich in Details zu verheddern und den Blick auf das Ganze zu verlieren. Im Zen geht es genau darum, nicht über die täglichen kleinen Dramen zu vergessen, wer wir sind und was uns wirklich wichtig ist. Oft hilft uns das Schicksal, die Dinge in Perspektive zu setzen, etwas wenn wir krank werden. Aber wäre es nicht auch ohne Schicksalsschläge toll, wenn wir einen klaren Blick dafür hätten, wofür es sich zu kämpfen lohnt und wofür nicht?

2. „Ein Dummer, der dumme Dinge tut, ist nicht komisch.“ (S. 153)

Zen-Meister Forrest Gump sagt: „Dumm ist der, der Dummes tut.“. Aber sind Menschen, die Dummes tun, gleichzeitig auch lustig – oder zumindest unterhaltsam? Ein Blick ins Fernsehprogramm, und man würde sagen: Ja, anscheinend. Aber so einfach ist es nicht. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die mich zum Lachen bringen. Ich bin nämlich drauf gekommen, dass man, um wirklich witzig zu sein, zwei Dinge besonders gut können muss: Beobachten und zuhören. Lustige Menschen erfinden nichts großartig Neues, sondern haben das wunderbare Talent, Komik in alltäglichen Situationen zu sehen und zu hören, wo andere sie nicht wahrnehmen. Lustige Menschen sind achtsam wie ein Zen-Meister.

3. Einige Dinge, die wir uns heute freiwillig antun, hätte nicht mal Hitler sich in ihrer Vehemenz ausdenken können.

Im Buch zeigt sich Hitler begeistert über Facebook und Großraumbüros und phantasiert über die Möglichkeiten für Propaganda und Überwachung, die sich ihm damit bieten. Durch diesen Perspektivenwechsel wurde mir bewusst, wie schnell es geht, die Dinge, an die wir uns gewöhnt haben, nicht mehr grundsätzlich zu hinterfragen. Man arrangiert sich, man geht damit um. Man definiert für sich die Regeln, mit denen man bereit ist mitzuspielen, aber die Notwendigkeit überhaupt mitzuspielen hinterfragt man irgendwann nicht mehr. Schließlich kommt man zu der Überzeugung, dass es gar nicht anders sein könnte, dass es gar nicht anders geht, dass die Situation „alternativlos“ ist (um ein beliebtes Wort aus der Politik aufzugreifen). Wenn du die Gelegenheit hättest, das, was du täglich tust, das, was ganz „normal“ ist, mit ganz neuen Augen zu sehen, zum allerersten Mal überhaupt… Worüber würdest du nur den Kopf schütteln?

Mir hat „Er ist wieder da“ übrigens gefallen. Harry Potter auch, Feuchtgebiete nicht.

PS für alle Geschichtsinteressierten: Das Verhältnis von Nationalsozialismus und Zen-Buddhismus sowohl in Japan als auch in Deutschland in den 1930er und 1940er Jahren ist leider ein sehr unheilvolles und zwiespältiges. Das wäre mal einen eigenen Blog-Artikel wert, aber nicht heute.

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