Das Zen des Unternehmer-Seins

Handwerker

Als Unternehmer muss man sich viel mit Unsicherheit beschäftigen. Deshalb muss man sich viel mit sich selbst beschäftigen.

Schon Jahre bevor ich den Schritt in die Selbständigkeit wagte, stellte ich mir vor, wie toll es denn wäre, mein eigenes Unternehmen zu haben, „mein eigener Herr“ zu sein. Während meiner Zeit als Angestellter dachte ich, dass „Unternehmer sein“ die ultimative Form von Freiheit ist – schließlich kann man sich alles selbst einteilen, hat keinen Chef, der einem im Nacken sitzt, kann seine eigenen Ziele, Träume und Projekte verfolgen etc.

Heute, in meinem vierten Jahr als Unternehmer, weiß ich, dass das im Grunde zwar stimmt, dass ich aber gleichzeitig als Unternehmer nicht mehr Freiheit habe als damals als Angestellter. Sicher, ich kann mir aussuchen, wann und wo (und bis zu einem gewissen Grad auch woran) ich arbeiten möchte. Aber diese Freiheit habe ich getauscht gegen etwas, das eine Menge (geistiger) Freiheit wieder wegnimmt: Jede Menge Unsicherheit.

Als Unternehmer, das habe ich gelernt, darf einem Unsicherheit nichts ausmachen. Im Gegenteil: Ich würde sogar so weit gehen, dass man als (erfolgreicher) Unternehmer ein Meister der Unsicherheit werden muss. Im Leben eines Unternehmers ist fast alles unsicher. Was heute gut aussieht, kann morgen schon wieder passé sein. Eine Idee, die man für die beste der Welt hält, kann die Kunden völlig kalt lassen. Wird man genügend Kunden haben, um von seiner Geschäftsidee leben zu können? Was, wenn es so viele sind, dass man mit der Arbeit nicht nachkommt? Werden diese Kunden auch regelmäßig und rechtzeitig bezahlen? Und dann sind da noch die vielen, vielen Entscheidungen, die man als Unternehmer zu treffen hat – oft ganz ohne jeden Anhaltspunkt, was denn die beste Wahl wäre.

Als Unternehmer tauscht man also Freiheit gegen Unsicherheit. Das muss man mögen. Und damit muss jeder Unternehmer auf seine Art und Weise zurecht kommen. Das gelingt aber nur dann, wenn man sein „Unternehmerisches Ich“ gut kennt: seine Wünsche und Träume, seine Werte und Stärken, seine Antreiber und seine Ängste.

Kürzlich bin ich auf eine Zen-Geschichte gestoßen, die diese Auseinandersetzung eines Unternehmers mit sich selbst beschreibt, welche die Grundlage dafür ist, überhaupt gute Arbeit leisten zu können.

Ein Meisterhandwerker im alten China wurde vom Kaiser beauftragt, einen Schrank für des Kaisers Schlafzimmer im Kaiserlichen Palast herzustellen. Der Handwerker, ein Zen-Mönch, sagte dem Kaiser, dass er während fünf Tagen nicht in der Lage sein werde, zu arbeiten. Die Spione des Kaisers sahen, wie der Mönch die ganze Zeit dasaß und anscheinend nichts tat. Dann, als die fünf Tage vorbei waren, stand der Mönch auf. Innerhalb dreier Tage fertigte er den aussergewöhnlichsten Schrank, den je jemand gesehen hatte. Der Kaiser war so zufrieden und neugierig, dass er den Mönch zu sich kommen ließ und ihn fragte, was er während den fünf Tagen vor dem Beginn seiner Arbeit gemacht hatte.

Der Mönch antwortete:

„Den ganzen ersten Tag verbrachte ich damit, jeden Gedanken an Versagen, an Furcht, an Bestrafung, falls meine Arbeit dem Kaiser missfallen sollte, loszulassen.

Den ganzen zweiten Tag verbrachte ich damit, jeden Gedanken an Unangemessenheit und jeden Glauben, dass mir die Fertigkeiten fehlen würden, einen dem Kaiser würdigen Schrank zu fertigen, loszulassen.

Den ganzen dritten Tag verbrachte ich damit, jede Hoffnung und jedes Verlangen nach Ruhm, Glanz und Belohnung, falls ich einen Schrank fertigen sollte, der dem Kaiser gefallen würde, loszulassen.

Den ganzen vierten Tag verbrachte ich damit, den Stolz, der in mir wachsen könnte, falls ich in meiner Arbeit erfolgreich sein sollte und das Lob des Kaisers empfangen würde, loszulassen.

Und den ganzen fünften Tag verbrachte ich damit, im Geist die klare Vorstellung dieses Schrankes zu betrachten, in der Gewissheit, dass sogar ein Kaiser ihn sich wünschte, so wie er jetzt vor Ihnen steht.“

Unternehmer zu sein bedeutet also in erster Linie, mit sich selbst gut zurecht zu kommen. Denn, und davon bin ich fest überzeugt: Die größte Unsicherheit für ein Unternehmen ist der Unternehmer selbst.

 

Quelle der Geschichte: www.geistigenahrung.org

Quelle des Fotos: www.cosmicpolymath.com

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