Zirkus-Zen

Im Zirkus

Unlängst hatte meine Nichte ihren fünften Geburtstag. Unser Geschenk für den kleinen Engel war ein Besuch im Zirkus. Das Gastspiel des Zirkus Frankello in Wien wurde so zu einer unerwarteten Business-Zen-Lehrstunde.

Es war zwar nicht mein erstes Mal im Zirkus, aber das erste Mal seit einer sehr langen Zeit. Mein bis dahin letzter Zirkusbesuch war in Mistelbach, ich muss damals sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Jedenfalls habe ich so gut wie keine Erinnerung daran, was wohl einiges aussagt. Deshalb war ich sehr gespannt, wie ich den Zirkus diesmal, als Erwachsener, erleben würde. Würde ich im Zirkus für ein paar Stunden wieder zum Kind werden? Würde mich der Zauber der Manege in Bann nehmen?

Tatsächlich: Ich wurde in den Bann gezogen. Vielleicht nicht ganz so wie ein Kind, aber auf meine ganz eigene Weise. Und das bedeutet, dass mir viele Dinge aufgefallen sind, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Vier davon möchte ich dieses Mal mit euch teilen.

1. Nicht nur ein Clown hat viele Hüte.

Es ist schon interessant: Der Mann, der mir die Eintrittskarte verkauft hat, ist später in der Manege durch die Lüfte geflogen. Das Mädel von der Zuckerwatte hat später Hula-Hoop-Reifen kreisen lassen. Klar: In so einem Zirkus muss jeder mit anpacken. Da ist kein Platz für Star-Allüren. Und das ist auch eine wichtige Zen-Lektion im Business: Willst du Erfolg haben, darfst du dir für keine Arbeit zu schade sein. Die wenig glamourösen Tätigkeiten bereiten nämlich erst den Weg für den Applaus am Ende.

2. Hereinspaziert!

Der Zirkus hat Gutscheine aufgelegt, mit denen man zwei Euro Rabatt auf den Eintrittspreis spart. Das  ist eine sehr kluge Idee. Durch die Gutscheine wird der Eintrittspreis reduziert, und der Besucher hat das angenehme Gefühl, etwas gespart zu haben. Den Besuchern wird es also leichter gemacht, in den Zirkus zu kommen. Was ich mir hätte denken können: Ist man erst einmal drinnen, wird der Zirkus den Rabatt vielfach wieder reinbekommen: Zuckerwatte und Popcorn, Ponyreiten, Futter für die Tierschau und die Foto-Op mit Ahmed, dem Kamel, haben Onkel und Tante wesentlich mehr gekostet, als uns der Gutschein gespart hat. Was ich daraus lerne? Mach es deinen Kunden leichter, dann wird es auch leichter für dich.

3. Die Angst vor dem Clown.

Clowns sind doch lustig, oder? Das komödiantische Highlight jedes Zirkusbesuchs, oder? Sollte man meinen. Aber es gibt Kinder, die vor Clowns Angst haben. Eine Reihe hinter mir saß ein Bub, der in Tränen ausgebrochen ist, als er beim Eintreten in die Manege von einem Clown begrüßt wurde. Als während der Aufführung ein Clown auf ihn zukam und ihm die Hand schütteln wollte, war es ganz vorbei. Was ich daraus lerne? Zum einen (aus Sicht des Clowns): Nimm’s nicht persönlich. Du kennst nicht die ganze Geschichte, und du kannst nichts dafür. Zum anderen (aus Sicht des Kindes): Es ist okay. Jedem das Seine.

4. Kinder leben im Moment. Ich nicht.

Kinder haben ein wunderbares Geschenk: Sie denken nicht so viel nach. Sie lachen (oder weinen) mit den Clowns und staunen über die Seiltänzerin. Sie lassen sich vom Zauber des Moments in den Bann ziehen. Mir ist das nicht so gut gelungen – und wenn, nur einen Moment lang. Dann begann ich wieder nachzudenken: Wie oft muss der Artist wohl täglich üben? Die Clowns, machen die jeden Abend das Gleiche? Die Zirkusband ist ziemlich gut. Ist das wirklich alles live oder kommt da was vom Band?

Und so ist auch bezeichnend, was ich mir vom Zirkus mitgenommen habe: Ich wollte mehr erfahren über das Leben im Zirkus und das Zirkus-Business. Wie ist es, ein Zirkus-Unternehmen zu betreiben? Was sind die besonderen Herausforderungen für einen Zirkus-CEO? Welches Leben führen Kinder, die in einer Zirkusfamilie aufwachsen? Wie sieht der Arbeitsalltag eines Zirkusartisten aus? Und so weiter, und so fort.

Ich will jetzt nicht zu streng mit mir sein. Ich bin eben kein Kind mehr. Ich bin ein erwachsener Mann, der gerne nachdenkt, neugierig ist und Spaß daran hat. Das alles ist gut und richtig so. Und dennoch: Es wäre schön, öfter mal den Gedankenstrom im Kopf auszuknipsen und einfach den Moment genießen zu können.

Genau das wäre ja auch das Ziel einer Zen-Meditation: Den Moment in vollen Zügen genießen und sich an all dem Wunderbaren erfreuen, das schon da ist. So gesehen könnte ein Zirkus-Besuch Zen im besten Sinn des Wortes sein.

PS: Es ist mir übrigens nicht gelungen, ein Buch über das Leben in einem Zirkus bzw. zum Zirkus-Business zu finden. Ich hätte mir gedacht, dass es dazu eine Menge Literatur geben müsste, aber das war anscheinend ein Irrtum. Hat jemand vielleicht einen Tipp für mich? Gerne unter: www.facebook.com/MeinZengarten

Share this post