Wie viel ist zu viel?

Zahlen

Es scheint uns Menschen irrsinnig schwer zu fallen einzuschätzen, wann es von einer Sache genug gibt, wann zu viel und wann zu wenig.

Aus der Kognitionsforschung (also von jenen Wissenschaftlern, die darüber nachdenken, wie der Mensch denkt), weiß man schon länger, dass wir Menschen uns sehr schwer damit tun, ein Gefühl für Zahlen zu entwickeln.

Rechnen mit Günter

Ein Beispiel: Wer kann sich vorstellen, wie viel Geld 18 Milliarden Euro ist (in Zahlen: 18.000.000.000 Euro)? Ich nicht. Ich kann sagen, dass es viiiiieeeel Geld ist. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist es mehr, als ich jemals besitzen werde. Wenn ich ein bisschen weiter nachdenke, kann ich sagen, dass es ca. zehn Millionen mal mehr ist, als ich im letzten Monat verdient habe. Oder: Dass ich nach derzeitigem Stand ca. 10 Millionen Monate (oder ca. 800.000 Jahre) arbeiten müsste, um diese Summe zu verdienen.

Und da bin ich schon beim nächsten Problem: 800.000 Jahre? Wie lang ist das denn? Nun, das Einzige, was ich sicher sagen kann, ist, dass ich jetzt im Jahr 2015 lebe und weiß, wie lang 34 Jahre sind (weil ich seit 1981 lebe). Aber 800.000 Jahre? Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren wären das ca. 10.000 Generationen. 10.000 Generationen? Wieder eine unvorstellbar hohe Zahl. Der Stammbaum der Familie Schmatzberger reicht gerade mal in’s 16. Jahrhundert zurück. Das sind ca. 500 Jahre oder 10 Generationen. Also gerade mal ein Tausendstel von 10.000 Generationen. Und selbst da kann ich mir nicht vorstellen, wie mein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater Jacob Schmattesberger wohl gelebt haben muss im Jahr 1703, als er seine zweite Frau Barbara geheiratet hat.

Unser blinder Fleck

Wir Menschen sind also schlecht im Umgang mit Zahlen. Gleichzeitig ist es faszinierend, wie selten uns diese Inkompetenz bewusst ist. Es ist wie ein riesiger blinder Fleck, der aber eine gewaltige Auswirkung auf unser Leben hat. Wir sind nämlich praktisch unfähig einzuschätzen, wie viel genug ist, wann etwas zu wenig und wann etwas zu viel ist.

Um Beispiele zu finden, muss man sich nur etwas in den Nachrichten umsehen/umhören:

  • Im Juni 2015 gab es in Österreich 7.538 Asylanträge. Ist das viel oder wenig?
  • In Österreich bekommt man 827 Euro Mindestsicherung im Monat. Ist das zu viel oder zu wenig?
  • Im Juli 2015 waren in Österreich 376.522 Personen beim AMS arbeitslos gemeldet. Ist das viel oder wenig oder „eh okay“?
  • Das Kunsthistorische Museum in Wien erhielt für das Jahr 2015 23,84 Mio. Euro an Förderung von der Republik Österreich. Ist das zu viel, zu wenig oder genug?

Wer hat recht?

Das Problem dabei: Ob etwas viel, wenig oder genug ist, hängt allein davon ab, wen man fragt – und davon, welchen Bezugsrahmen derjenige hernimmt, um der Zahl Herr zu werden. Sprich: Womit er/sie die Zahl vergleicht. Und wenn man selbst keinen brauchbaren Vergleichswert findet, sucht man jemanden, der diesen Wert für einen bereit hat. Diese Funktion übernehmen zum Beispiel Kommentatoren in Zeitungen, (Pseudo-)Experten im Fernsehen, politische Parteien oder Freunde, denen man glaubt.

Das Ganze geschieht jeden Tag millionenfach (oder milliardenfach? billionenfach?) und wäre auch soweit kein Problem, wenn nicht über die Frage „Wie viel ist zu viel?“ so emotionale Diskussionen entbrennen würden. Denn so unfähig der Mensch ist, realistisch einzuschätzen, wie viel „genug“ ist, so fest überzeugt ist er, dass er und nur er die „richtige“ Einschätzung der Zahlen kennt.

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Mit abstrakten Zahlen kann der Mensch also nicht gut umgehen. Mit seinen Emotionen oft auch nicht, besonders dann nicht, wenn die Emotion „Angst“ heißt.

Denn wenn es eines gibt, wovon ich sicher weiß, dass wir Menschen viel zu viel haben, dann ist es Angst.

PS: 18 Milliarden Euro ist die voraussichtliche Summe, die den österreichischen Steuerzahlern das Hypo-Debakel kosten wird. Es steht jedem frei sich auszurechnen, wie viele Flüchtlinge mit diesem Geld für die nächsten zehn Jahre versorgt werden könnten oder auf welche Höhe die Mindestsicherung damit für die nächsten hundert Jahre erhöht werden könnte – und so weiter, und so fort…

 



Profilbild_GuenterGünter Schmatzberger

Zen-Gärtner. Ich-Konzern-Leiter.
Ich bin Gründer von Mein-Zengarten.at und mache mir Gedanken über Zen und die vielen Formen, die es im Alltag und Business annehmen kann. Mit unseren handgefertigen Miniatur-Zengärten habe ich eine wunderbare Möglichkeit gefunden, die schlichte Schönheit der Zen-Ästethik spürbar zu machen. Denn die kleinen Dinge machen das Leben großartig.
 
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